Ein Tag in der JVA-Freiburg

„So einfach kommen Sie hier aber nicht rein“, ruft mir der Gefängniswärter über seine Sprechanlage zu, als ich die Justizvollzugsanstalt (JVA) Freiburg unangemeldet durch die Tür betreten will. Er öffnet die Tür von seinem Platz aus und dann werde ich erstmal  durchsucht. Mein Handy und meinen Personalausweis muss ich zur Sicherheit bei dem Pförtner hinterlegen. Anschließend werde ich in den  Warteraum für die Besucher gebracht. Es ist ein kalter Raum ohne Fenster und mit sehr hellem Licht. Jedes Mal wenn sich der Zeiger der großen Uhr bewegt, hört man  ein lautes „Bong“.

Ich muss lange warten, bis ich endlich aufgerufen werde. Währenddessen gehen Besucher, die ihre Angehörigen oder Freunde besuchen wollen, ein und aus. Sie sind alle sehr unterschiedlich. Viele beten, manche sind sehr still und angespannt. Die meisten sind aber traurig und verzweifelt. Das sieht man ihren Gesichtern an. Auch ich fühle mich sehr bedrückt und warte sehnlich darauf endlich aufgerufen zu werde. Mein Wunsch wird bald erfüllt.

Ich muss durch drei direkt nacheinander folgende Türen hindurch und werde in den Besucherraum gebracht. Dieser sieht fast gleich aus wie der Warteraum –kalt, ohne Fenster, graues Licht. Die Atmosphäre ist sehr bedrückend und angespannt. Von hier aus bringt man mich in eine Zelle. Sie ist sehr klein und nahezu leer. Luxusgüter wie Telefon, Fernseher oder Computer sind hier nicht zu finden. Fast unter der Decke ist ein kleines Fenster eingebaut und direkt daneben befindet sich ein kleines Bad mit einer Toilette und einer Dusche. Die Zelle ist gar nicht so ungemütlich, wie man das von Gefängniszellen denkt. Und genau in so einer Zelle hat Normen K.* mehr als zwei Jahre gelebt.

Normen K. wuchs in sehr schwierigen Familienverhältnissen auf. Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt und seine Mutter kümmerte sich weder um ihn noch um seine drei Geschwister.

In dem Viertel, in dem er aufwuchs, wurde er schon im Kindesalter mit Kriminalität konfrontiert. Einbruch, Drogenbesitz oder Diebstahl galten für ihn als normal.

Er besuchte die Sonderschule, weil er von seiner Grundschullehrerin als lernbehindert eingestuft wurde. Trotzdem wollte er eine Ausbildung machen und bewarb sich bei verschiedenen Unternehmen. Er erhielt einen Ausbildungsplatz zum Maler. Jedoch brach der die Lehre schon nach zwei Monaten ab, da er „einfach keine Lust mehr hatte“. Seine Freizeit verbrachte Normen K. mit seinen Freunden. Sie nahmen Drogen, stahlen und schlugen auf unbeteiligte Personen ein. Er genoss dies, da er währenddessen ein Machtgefühl und Annerkennung verspürte, die er in seinem Elternhaus niemals bekommen hatte. Dies blieb für ihn nicht ohne Folgen.

Bereits mit 16 Jahren wurde er wegen schwerer Körperverletzung angezeigt.

Die Polizei wurde nun auf ihn aufmerksam und konnte beweisen, dass Normen K. schon mehrmals seine Fäuste gegen unschuldige Personen benutzt hatte. Man klagt ihn in drei  Fällen wegen  Körperverletzung an. Das Gericht verurteilte ihn zu 50 Sozialstunden. Diese Entscheidung vom Gericht war für ihn aber keine Lehre. Er machte genauso weiter, wie er aufgehört hatte. Die 45-jährige Elisabeth Bühler, die in der JVA-Freiburg arbeitet, sagt zu dieser Entwicklung: „Der erste Schritt der Jugendlichen ist, dass sie sich für ihr eignes Verhalten verantwortlich machen. Wenn sie dies tun, kann ihnen auch geholfen werden. Tun sie das nicht, werden sie immer wieder im Gefängnis landen.“

Normen K. hat sich für sein Verhalten nicht verantwortlich gemacht und wurde mit 17 Jahren abermals wegen schwerer Körperverletzung und Drogenbesitz in zwei weiteren Fällen angezeigt. Er wurde nach dem Jugendstrafrecht zu sechs Monaten Haft verurteilt. Bis heute hat Normen K. Schulden in Höhe von 1500€, aufgrund den Schmerzensgeldforderungen der Geschädigten. Diese kann er im Moment jedoch nicht abbezahlen, da er arbeitslos ist.

Frau Bühler wundert sich gar nicht mehr darüber, dass Jugendliche immer mehr wegen schwerer Körperverletzung angezeigt werden: „Zwar nehmen die Gewaltdelikte der Jugendlichen ab. Diese haben aber immer mehr Mut zur Gewalt und schlagen, dann gezielt auf Kopf, oder Nase ein.“

Nach seiner Entlassung bezog Normen K. eine billige Wohnung in einem 11-stöckigen Wohnhaus und lebte von Hartz4.

Er fühlte sich trotz seiner festen Freundin, mit der er schon seit einem Jahr liiert war, sehr einsam. Um sich etwas Geld dazu zu verdienen, verwickelte er sich abermals in kriminelle Geschichten und fing er an Drogen zu verkaufen.

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Freundin von Normen K. auch noch schwanger.  Dieser fühlte sich noch nicht  reif genug, eine Vaterrolle zu übernehmen und beendete daraufhin die Beziehung. Gedanken, wie sein Kind sich ohne Vater fühlen würde, machte er sich nicht. Bis heute hat er sein Kind noch nie gesehen. Er weiß nicht einmal, ob er eine Tochter oder einen Sohn hat.

Normen K. lässt von seiner kriminellen Seite einfach nicht ab. Mit 19 Jahren wurde er wegen sexueller Belästigung an mehreren Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren angezeigt.

Die Beweise gegen ihn sind eindeutig und alle vier Mädchen sagten gegen ihn aus. Er wird zu einem Jahr und sieben Monaten Haftstrafe nach dem Erwachsenen-Strafrecht verurteilt, da das Gericht der Meinung ist, dass er vorsätzlich gehandelt hat.

Normen K. ist wieder im Gefängnis. Den ganzen Tag sitzt er in seiner Zelle. Nur die zwei Stunden Hofgang ermöglichen ihm aus seiner Zelle zu kommen. Jeden Tag erlebt er den gleichen Ablauf. Frühstück, Hofgang, Mittagessen, Abendessen. Ihm wird angeboten, sich während seines Gefängnisaufenthaltes weiter zu bilden oder an verschiedenen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Diese Angebote nimmt er teilweise an, allerdings nimmt er  mit den anderen Gefängnisinsassen kaum Kontakt auf. Er ist im Gefängnis zur Strafe, jedoch erhalten er und alle anderen Insassen Seminare, die ihn auf ein strafenfreies Leben nach der Entlassung vorbereiten sollen.

Nach verübter Strafe zog er abermals in dieselbe Wohnung und fing wieder nichts mit seinem Leben an. Normen K. stand vor dem Nichts. Er hatte keine Ausbildung, kein festes finanzielles Einkommen und keine Bezugspersonen mehr, da diese sich alle von ihm abgewandt haben.

Kein halbes Jahr nach seiner Entlassung klingelte die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl bei ihm. Sie vermutete, dass Normen K. illegal Kinderpornos ins Internet gestellt haben soll. Sie findet in seiner Wohnung zwar zwei DVD Filme, die kinderpornographische Filmdateien enthalten. Die hochgestellten Filmdateien konnte die Polizei nicht sicherstellen, dennoch gesteht sich Normen K. die Straftat selbst ein und stellt sich der Polizei. Es ist das erste Mal, dass er für sein Verhalten gerade steht.

Wegen der Straftat wird er zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Urteil fiel aufgrund des Geständnisses milder als gedacht aus. Laut Frau Bühler gibt es inzwischen so viele verschiedene Maßnahmen gegen Jugendkriminalität, die sich genau an das Verhalten der Jugendlichen anpassen. Allerdings wird dabei erwartet, dass der Jugendliche mitzieht. Dies war bei Normen K. nicht der Fall. Ihm ging es bei vielen Straftaten immer nur um das Geld. Verantwortung und Respekt vor Anderen waren für ihn Fremdwörter in seiner Jugend.

Heute ist Normen K. 28 Jahre alt. Es hat 14 Jahre gedauert, bis er erkannt hat, dass sein Leben so nicht weiter gehen kann.

Zurzeit besucht Normen K. ein Berufsvorbereitungsprogramm, welches ihm verhelfen soll wieder den Fuß in den Alltag und ins Berufsleben zubekommen. Normen K. will sein Leben wieder in den Griff bekommen und zwar ohne Kriminalität. Für ihn wird es ein langer und schwieriger Weg, den Alltag alleine und ohne Kriminalität zu bewältigen.

Mein Besuch endet in der JVA Freiburg. Für mich war es ein sehr eindrucksvoller Tag. Bevor ich das Gefängnis verlassen kann, muss ich mir erst mal bei dem gemütlich dasitzenden Gefängnispförtner mein Handy und meinen Personalausweis abholen. Dieses Mal warte ich, bis der Pförtner mir die Tür öffnet. Der schon etwas älter wirkende Mann zwinkert mir zu und wünscht mir mit seinem schwäbischen Dialekt noch einen schönen Tag.

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich stehe vor dem Gefängnis. Auf einmal entspanne ich mich. Erst jetzt bemerke ich, dass ich seit Eintreten in das Gefängnis sehr angespannt war. Jetzt bin ich einfach nur froh, dass ich nach Hause gehen kann.

*Name geändert

JVA-Freiburg:

Die JVA Freiburg befindet sich in der Tennenbacherstraße und wurde im Jahre 1848 gebaut.

In der Arrestanstalt sitzen ausschließlich Männer, die Langstrafen vor sich haben, das heißt mehr wie ein Jahr und drei Monate. Momenttan sitzen rund 800 Männer in der JVA Freiburg ein.

Die Inhaftierten kommen aus ganz Baden-Württemberg. Die Sträflinge haben die Möglichkeit sich einem ehrenamtlichen Betreuer zuweisen zu lassen. Allerdings kann dies verhindert werden, wenn die Inhaftierten als besonders gefährlich eingestuft werden. Außerdem besteht  die Möglichkeit mit dem jeweiligen Betreuer Einzelgespräche zu führen und so zum Beispiel Konflikte mit ihren Familienmitgliedern zu lösen.

Die Justizvollzugsanstalten haben gewisse Richtlinien, die sie erfüllen müssen. Die Gefangenen bekommen Unterstützung durch verschiedene Angebote. Sie können individuell betreut werden, das heißt in Einzel- oder Gruppenveranstaltungen, die von Sozialarbeitern oder Psychologen betreut werden. Zudem wird ihnen die Möglichkeit geboten, ihren Hauptschulabschluss oder mittlere Reife nachzuholen. Aus diesem Grund stehen der JVA Freiburg jedes Jahr 24 Ausbildungsplätze in Betrieben bereit. Zeitweise kann man auch eine Lehre in den Bereichen Holz, Metall, Nahrung, Textil und Gebäudereinigung direkt im Gefängnis erlernen. Auch werden ihnen Freizeitmöglichkeiten wie Fußball, Tischtennis, Theater und Bibelkreise angeboten.

Besonders muss man auf die physisch –und psychisch Geschwächten achten, damit keine negativen Einflüsse für die andern Insassen entstehen. Allerdings wird von den Gefangenen erwartet, dass sie sich an die Regeln halten. Es wird von den Inhaftierten verlangt, dass sie dafür mitsorgen, dass ein friedliches Miteinander in der JVA möglich ist.