Meine zweite Welt

Noch einmal die Bindung überprüfen, aufrichten, den Schnee von der Hose fegen und losfahren. Die Geschwindigkeit steigt, die Kontrolle über das Brett zu behalten wird immer schwerer und endlich kommt er, der Absprung… Der ungefähr 2 Meter hohe Kicker haut mich mit einer enormen Geschwindigkeit in die Luft. Doch für mich wirkt alles um mich herum wie in Zeitlupe. Ich sehe den Himmel, die Bäume und die schneebedeckte Landschaft an mir vorbeifliegen, während ich mich in 4-5 Meter Höhe langsam nach hinten drehe, die Arme ausgestreckt, den Rücken durchgedrückt. Vor meinen Augen zieht der wolkenlose, strahlend blaue Himmel vorbei. Das Adrenalin durchflutet meinen ganzen Körper. Ich höre nichts außer meinem Herz und scheine eine Ewigkeit lang waagerecht in der Luft zu liegen. Genau das ist der Moment, für den sich die ganze Arbeit gelohnt hat. Ich kann fliegen …

Was viele nicht wissen, Freestyle und Freeride gehören zum Extremsport. Das beinhaltet zwar eine große Verletzungsgefahr, aber dafür noch umso mehr Spaß. Es vereinen sich Sport mit Geschwindigkeit, Gleichgewicht und Geschicklichkeit. Dies macht es sogar beim schlechtesten Wetter zu einem großen Vergnügen den Berg runter zu fahren. Doch bevor es zu einer einigermaßen befahrbaren Masse an Schnee kommt, muss ein Snowboarder eine sehr, sehr harte Zeit durchstehen: …den Sommer.

Um nicht in Depressionen zu verfallen, gibt es natürlich viele Mittel, die mehr oder weniger erfolgreich sind.

Das wohl Gängigste sind vielen Snowboardfilme. Die verschiedensten Crews haben unzählige professionelle und Amateurvideos im Internet und auf DVD herausgebracht. Bei jedem Snowboarder sammeln sie sich auf dem PC und in den Regalen neben dem Fernseher. Man kann sich die tollsten Spots mit den besten Ridern vereint anschauen. Vielleicht mag es in gewisser Weise auch deprimierend sein, anzusehen, was andere ungefähr zwei Drittel ihres gesamten Jahres machen können und netterweise auch noch besser sind als man selbst, aber alleine die Vorstellung in dieser Lage sein zu können verschafft der Sehnsucht Linderung.

Das Event der Snowboardfilme in diesem Jahr war die Premiere des neuen Isenseven-Films in München. Let’s go get Lost ist sein Titel und man muss schon sagen, dass keine Mühen gescheut wurden, um diesen so sehr zu inszenieren wie es nur ging. Eine Halle in den Maßen eines größeren Konzerthauses gefüllt mit Djs, Getränkeständen und Leinwänden so weit das Auge reicht. Hunderte von bunt gekleideten, Snowboard begeisterten Partygästen tummeln sich zwischen drin und haben ihren Spaß. Alle tanzen zu den verschiedensten Electro und Hip-Hop Songs. Auf einmal gehen alle Lichter aus und die Leinwände fangen an zu leuchten. Die Masse jubelt und schreit, so dass die sowieso viel zu laute Musik darin untergeht, als die ersten Rider erscheinen und die unglaublichsten Tricks zeigen. Dannach geht die Party erst richtig los, und das Beste ist, dass zumindest auf der Premiere alle der Rider der Crew dabei sind. Man kann also mit seinen Lieblingsfahrern feiern, wenn diese dazu aufgelegt sind. Nach diesem Event freut man sich auf den Moment, wenn der Film endlich der hauseigenen Sammlung hinzuzufügen ist. Und natürlich darauf, dass nächstes Jahr der ganze Spaß von vorne losgeht.

An diesem Beispiel lässt sich deutlich zeigen, wie sehr sich Snowboarden als Lifestyle durchgesetzt hat. Lange schon ist es nicht mehr nur ein Sport, sondern für immer Snowboarder ist der mit Schnee bedeckte Berg ein zweites zu Hause. Die Jacken groß und bunt, genau wie die T-Shirts. Immer mit Cap oder Beanie unterwegs, die Hosen sitzen meist weit unter Gürtellinie, so richtig schön baggy. Dazu Sneakers, beispielsweise Nike. Bunt muss man erscheinen, bis in die Schnürsenkel.

Snowboarder sind generell in zwei verschiedene Gruppen einzuteilen: Die „stylischen“ und die „unstylischen“, wie die einen sagen würden. Andere würden wohl eher in normale Fahrer und Bekloppte unterteilen, aber hierbei gilt wohl, jedem das seine.

Außer dem Klamottenstil und der Lebenseinstellung ist der wohl prägnanteste Unterschied die Art des Fahrens. Das normale die Piste runter und vielleicht ab und zu über einen Hügel springen sehen viele Snowboarder als langweilig, niveaulos und zu einfach an. Wenn dann doch kein Kicker zu sehen ist, muss die Piste gejibbt werden. Hierbei handelt es sich um den Versuch, alles was sich mehr oder weniger anbietet mit kleinen Tricks zu überwinden, wie zum Beispiel kleineren Sprüngen und Drehungen. Wenn nichts zu finden ist was sich dafür anbieten, wird das Höchstmaß an rasanten Drehungen und Manövern gesucht. Die nächste wohl viel gefährlichere Art des Fahrens nennt sich Freestyle. Beim Freestyle springt man über kleine bis riesige Kicker und vollführt im besten Falle kunstvolle Sprünge. Dazu gehört viel Mut und auch Können. Denn was von unten einfach nur faszinierend aussieht, erfordert viel Geschicklichkeit und Körperbeherrschung. Geschwindigkeit und Drehung beim Absprung müssen stimmen, zumindest wenn man sich nicht verletzen will.

… doch so lange dauert der Moment dann doch nicht an. Die Rotation die ich eigentlich gebraucht hätte, um aus dieser Rückenlage wieder herauszukommen und sicher zu landen, stoppt schlagartig. Einfach so. Ich sehe zwar immer noch die schöne Schneelandschaft, jedoch sehe ich mich auch kopfüber auf sie zufliegen. Zeit nachzudenken bleibt keine, zu ändern ist die Situation sowieso nicht, und in einer beängstigenden Geschwindigkeit rase ich auf die Schneedecke unter mir. Ich krache mit dem Kopf voraus in den Powder der nun alles andere als weich ist. Ich spüre wie mein ganzer Körper zusammen gestaucht wird …

Auch ein Sport wie das Snowboarden hat solche Tage, an denen man sein Brett am liebsten an den Nagel hängen möchte. Schlechtes Wetter, schlechter Schnee … dazu kommen die hohen Kosten. Nicht alleine die Liftkarte zieht einem das Geld aus den Taschen, sondern auch die Ausrüstung. Brett, Boots, Bindings, Pants, Jacket und so weiter. Das alles sollte dann auch nicht willkürlich zusammengewürfelt werden. Das Aussehen spielt eine große Rolle. Bunt und groß. Am besten noch bunter und noch größer. Das teuerste daran ist, dass Qualität nun mal eben seinen Preis hat. Man möchte im Backcountry nicht mit Jacken und Hosen unterwegs sein, die einen im Falle eines Schneesturms erfrieren lassen. Da ist es geschickter, wenn man auf das Ende der Wintersaison wartet und somit oft auf den Schlussverkauf. Wie auch bei der Ausstellung „Interboot“, wo man top Ausrüstung zu top Preisen bekommt.

Ein viel größeres Problem gibt es allerdings: Manchmal gehorcht einem der eigene Körper nicht. Die Gefahr daran, wenn der Körper nicht so will wie der Geist, ist dass es gerne mal zu Verletzungen kommt, die nicht immer glimpflich verlaufen. Daran, dass Snowboarden gefährlich ist, besteht kein Zweifel. Nackenbrüche, innere Blutungen und andere tödliche Verletzungen sind leider Realität. Wirft man einen objektiven Blick auf die Sache, muss man nicht allzu lange überlegen um zu bemerken, dass das Risiko einfach zu hoch ist. Nicht nur Verletzungen und Stürze fordern ihre Tribute, sondern auch Lawinen und Erfrieren wegen mangelnder Orientierung. So summiert sich die Anzahl der Toten weltweit zu mehreren Hunderten pro Jahr. Zu dieser hohen Zahl an Opfern müssen dann noch diejenigen dazugerechnet werden, die sich „nur“ verletzen. Schlüsselbeinbrüche sind zum Beispiel sehr häufig… Leider ist es beim Snowboarden eher seltener, dass man sich leichte Verletzungen zuzieht. Oft sind sie sogar so schwer, dass man den ganzen Winter nicht mehr fahren kann.

Ein Freund von mir landete mit seinem Gesicht auf seinem Knie. Die Folgen: 2-facher Kieferbruch, Nasenbeinbruch und fast die völlige Deformiereung seines Gesichtes. Sobald er jedoch seinen Mund wieder richtig öffnen konnte hörte man ihn von Snowboarden reden. Tatsächlich fragte ich mich beim Anblick seiner komplett schiefen Zähne und den geschwollenen Lippen ob es nicht doch an Wahnsinn grenzt, doch von ihm kam kein einziges Wort, dass darauf schließen lies, dass er ans Aufgeben dachte. Das Interview mit einem Anderen zu seinem Sturz vor einem Jahr ergab folgendes:

„Oh ja, ich erinnere mich. So eine Scheiße. Am liebsten hätte ich geheult und mein Brett zertrümmert. Doch das Problem war, dass es schon beim Bail dran glauben musste. Einfach mal in der Mitte durchgebrochen.“( Nico M.) Genau wie sein Oberschenkel…

Die wenigsten Snowboarder lassen sich jedoch von all diese Gefahren und negativen Aspekten einschüchtern oder gar unterkriegen. Ein gesundes Maß an Respekt vor dem, was man macht, sollte vorhanden sein, das ist in fast allen Lebensbereichen so. Auch beim Snowboarden. Es ist erstaunlich wie sehr es sich zu einer Lebenseinstellung entwickelt hat. Es ist schön zu sehen, wie die Augen derer, die nicht mehr vom Snowboarden wegkommen, anfangen zu glänzen. Es macht Spaß zuzusehen wie sie vom Schnee träumen, sobald es um diese Thema geht.

… Nach 3 Wochen fast völliger Unbeweglichkeit kann ich nun endlich meine Schulter wieder bewegen. Die Muskeln an Hals und Schulter waren überdehnt, verkrampft und letztendlich entzündet. Das lass ich mir doch von diesem Kicker nicht bieten! Immerhin haben wir zwei ganze Tage gebraucht, um ihn zu bauen und den Backflip habe ich schon über ganz andere gestanden. Nächste Woche geht es ihm an den Kragen.


Vokabular:

Crew = Zusammenschluss von mehreren Snowboardfahrern, oft professionell unterstützt

Isenseven = http://www.isenseven.de/blox/index.php

Let’s go get lost = http://www.isenseven.de/blox/index.php?page=article&article=00140

Rider = Snowboardfahrer

Beanie = meist gestickte/gehäkelte Mütze

baggy = tief sitzend

Kicker = Sprungschanze aus Schnee

Powder = weicher, flockiger Schnee / Pulverschnee

Backcountry = abseits der Piste, meistens mit Powder übersehen, gefährlich und schwierig zu fahren

Bail = Sturz

verb2. semi