Panama liegt im schwäbischen Sulz am Neckar. Es ist das Jugendzentrum, in dem neun junge Musiker ihre Reggae-Band “Panama Riddim Section” gegründet haben. Mittlerweile ist der Großteil der Band nach Freiburg gezogen, von wo aus sie nun ihren Reggae, Ragga und Ska verbreiten.


“Wir haben eigentlich immer Musik gemacht, weil es uns Spaß gemacht hat, gar nicht um irgendwann mal aufzutreten”. Dass die Musik ihnen Spaß macht, glaubt man sofort und man ist froh, dass Panama Riddim Section es geschafft haben, als Band ihre Songs auf Festivals und in Clubs zu spielen und “positve Vibrations” zu verbreiten…

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Frontsänger

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So auch heute Abend. Jazzhaus Freiburg, 20 Uhr. Sobald die ersten Klänge ertönen und der bekannte Reggae-Rythmus erklingt, beginnen schon die ersten Leute, wenn auch noch zaghaft, sich zu bewegen. Das wird sich spätestens ändern, wenn die neun jungen Musiker ihr bekanntestes Lied “Panama” spielen, dann werden alle Konzertbesucher mit einstimmen “Panama is the sound of the people, Panama- We don’t want no evil, Panama is the sound of redemption, Panama- We don’t want no frustration”.

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Doch das erste Lied ist zunächst ein Medley aus vielen der Songs des ersten Studio Albums “Well Charged- Reggae, Ragga, Ska outa Freiburg”. Das zweite Album steht praktisch schon vor der Tür und wurde Ende 2009 ebenfalls in Freiburg aufgenommen. Der Titel des Albums darf zwar noch nicht verraten werden, “ich bin mir auch noch nicht sicher, ob der Albumtitel definitv sein wird. Bei neun Leuten, die alle gleichstimmberechtigt sind, ist es gar nicht so einfach, sich für einen Titel zu einigen”, sagt Sebastian, einer der Sänger von Panama Riddim Section. Auch der letzte Albumtitel sei mehr durch Zufall entstanden und solle soviel heißen wie “Gut drauf”.

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Mit “Gut drauf” können sich die Leute während des Konzerts im Jazzhaus bestens identifizieren. Besonders die Ska-Parts wie bei “Fly Away” sind, wie ich bei der anschließenden Befragungen einiger Leute erfahren konnte, sehr beliebt. Insgesamt ist die gute Stimmung des Konzerts das, was von fast allen Besuchern als “das beste”, “einzigartig” und “absolut partykompatibel” beschrieben wird. Auf die Frage, wie der Band diese auffallend positive, gute Stimmung jazzhausgelingt, muss Sebastian erst einmal lachen und meint dann: “Keine Ahnung, vielleicht liegt es daran, dass wir das alles ohne jeglichen Zwang machen können. Das ist unser Hobby, das macht uns Spaß und so kommt es glaube ich auch rüber. Das heißt, so soll es rüber kommen, das ist unser Plan.”  Außerdem seien die Ska- Parts ja auch eine Abwechslung für die Band, die nicht nur fünf Minuten lang drei Akkorde spielen möchte. Und sie sind dazu da, die Leute zu animieren “auch mal ein bisschen abzuspacken”.

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Was Sebastian persönlich auch gut findet ist, dass nicht nur Leute zu den Konzerten der Panama Riddim Section kommen, die  ausschließlich Reggae hören, sondern auch Leute, die nicht so fokussiert sind und sich gerne von der Stimmung mitreißen lassen. Dies habe ich von einer Frau Anfang zwanzig nach dem Konzert erfahren. Sie hatte raspelkurze, rote Haaren und eine schwarze, modische Brille (also nicht der oft gesehene Alternative-Dreadlock-Typ, den ich auch ein paar Mal auf dem Konzert gesichtet habe) und meinte: “Dafür, dass ich ansonsten null Reggae höre, war es einfach genial. Man merkt eben, dass die Band eine Einheit ist und harmonisiert”.

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MarcusDie Bandmitglieder sind nicht nur eine Einheit, weil sie gemeinsam Musik machen, sondern kennen sich teilweise schon aus der frühsten Kindheit. Der Kern der Band besteht aus Moritz (Sänger), Matze (Sänger und Saxophon), Sebastian (Sänger und früher Gitarre), Buddy (Schlagzeuger), Buchan (Gitarrist) und Philipp (der zwar auch Schlagzeug spielt, aber meistens an den Percussions ist). Sie kommen alle aus dem selben Ort, Sulz am Neckar. Zu der jetzigen Formation der Band gehören außer diesem “Kern” noch Bassist Axel, Keyboarder Dominink und Trompeter Marcus. In Sulz am Neckar gibt es das Jugendzentrum Panama, in dem die fünf Musiker den größten Teil ihrer Jugend vebrachten, wo sich dann alles entwickelt hat und nach dem sie sich als Band benannt haben. “Unser allererstes Konzert haben wir bei uns im Jugendzentrum Panama gegeben”, erinnert Sebastian sich zurück. “Früher haben wir zwar auch schon ein bisschen Musik gemacht, aber richitg beschlossen, dass wir eine Band gründen, haben wir im Sommer 2002 im Urlaub am Atlantik”. Die erste Demo- CD hieß somit “Reggae, Ragga, Ska outa Neckarvalley”.

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Nach dem Abi einiger Bandmitglieder wohnte kurzzeitig der Großteil der Band in Freiburg, wodurch das Musikmachen sich hierher Buchanverlagert hat. Mittlerweile wohnen zwar einige Musiker in anderen Städten, wie beispielsweise Buchan in Paderborn oder Philipp in Köln, trotzdem ist der Mittelpunkt der Band Freiburg geblieben. “Natürlich ist es stressig, manche von uns studieren ja noch und der Rest arbeitet”, sagt Sebastian, “ dadurch und dass wir relativ verstreut sind, ist es nicht leicht, alles unterzubringen, aber mindestens einmal im Monat treffen wir uns dann hier in Freiburg in unserem Proberaum, der gleichzeitig ein Tonstudio ist und proben ein Wochenende lang durch”.

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Auch wenn jeder ein Baustein der Band ist und jeder seinen Teil zur Musik beiträgt, ist die Rollenverteilung beim Songschreiben doch recht klar definiert. Moritz, Matze und Sebastian schreiben die Texte, und das Musikalische findet sich beim Proben spontan oder eigene Ideen werden in die Songs miteingebracht. Auch Streit bleibt bei so vielen Mitgliedern mit unterschiedlichen Meinungen natürlich nicht aus. “Zoff gibt es eigentlich ständig, also was heißt Zoff, es gibt viele, viele Diskussionen bei uns. Teilweise nur um die Frage wie ein einzelner Takt gespielt werden soll. Aber der Vorteil ist einfach, dass wir schon ewig Freunde sind, da kann man sich dann auch mal streiten, das ist kein Thema”, erklärt Sebastian.

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MatzeDie Freundschaft der Bandmitglieder wurde noch enger, als sie im Sommer 2009 auf Tour quer durch Deutschland unterwegs waren. “Es war es eine tolle Erfahrung und Bereicherung für die Band, trotzdem war auch alles ziemlich chaotisch, wir haben ja alles selbst organisiert und hatten so etwas davor noch nie gemacht”, erzählt Sebastian. Es gab Konzerte mit teilweise vielen begeisterten Leuten, aber auch eines, zu dem nur zwölf Leute kamen. Einerseits eine komische, aber andererseits auch eine witzige Erfahrung. Die Band hat nicht nur Erfahrungen innerhalb Deutschland gesammelt, sondern hat bereits Konzerte in der Schweiz, Frankreich und Polen gegeben.

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“Besonders der Auftritt in Polen war schon abgefahren”, erzählt Sebastian begeistert, “wir haben mal hier in Baden-Württemberg in einem Club gespielt und dort war ein polnischer Austauschschüler oder Austauschstudent. Und er meinte, er hole uns nach Polen, irgendwann. Wir haben alle gedacht, ja klar, bestimmt. Aber dann hat er irgendwann wirklich angerufen, dass wir auf einem riesigen Festival spielen dürfen. Die haben uns dort angekündigt, als wären wir hier in Deutschland total bekannt und entsprechend waren dann auch die Leute. Da waren echt so knapp 5000 Leute, das war wirklich ein krasses Konzert und hat Spaß gemacht.”

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Live-Mitschnitte von Konzerten und Songs des Albums können übrigens auch auf der Myspace Seite der Riddim Section angehört und angeschaut werden. Da die neuen Medien, insbesondere Myspace, schon einigen jungen Künstlern zum Erfolg verholfen haben, frage ich Sebastian, wie er es einschätzt, ob die Myspace-Seite eine gute Möglichkeit sei, um Fans zu bekommen oder ob im Endeffekt immer noch die Auftritte entscheidender seien, um die Menschen von der eigenen Musik zu überzeugen. Sebastian meinte dazu, dass die Myspace-Seite natürlich extrem wichtig sei, gerade um die Musik einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Trotzdem sei ein gutes Live-Konzert fast noch entscheidender, da dort einfach mehr an das Publikum übertragen werde. Er hält eine Kombination aus beidem auf jeden Fall für das Beste. Myspace sei außerdem eine gute Möglichkeit, mit Bands Kontakte zu knüpfen. “Zum Beispiel mit Bands in Südamerika. Es gibt’s echt immer mal wieder, dass man dort von Bands hört, die nicht zu bekannt sind, wo man aber denkt, hey, das ist ja cool”.

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Insgesamt kenne man sich recht gut in der Reggae-Szene, vor allem bestehen Kontakte zu Bands und Künstlern, bei denen man als Vorband oder mit denen man gemeinsam gespielt hat. So beispielsweise zu Jahcoustix, “ein seher netter Kontakt”. Auch mit einigen Bands aus Stuttgart sind Panama Riddim Section befreundet. Aus Freiburg kennen sie eine Band, mit der sie sich einen Proberaum geteilt hatten und mit den Leuten des Ruffsong Movement (die unteranderem manchmal freitags im Freiburger Klub Kamikaze auflegen) sind sie ganz gut befreundet: “Ruffsong Movement sind sechs Leute und der Marc, der DJ von der Band, hat bei Moritz’  Hochzeit aufgelegt, das war auch ganz witzig”.

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Zurück ins Jazzhaus zum Konzert. Dort wurden außer dem Klassiker “Dreadlock Holiday” (”I don’t like Reggae, I love it”) auch einige Songs des neuen Albums gespielt. Unteranderem “Meditation”, “Jah Fire” und “Jamaica”. Bevor dieser Song gespielt wurde, hat Moritz klargestellt, dass sie als Band zwar noch nie in Jamaika waren, aber trotzdem an Jah glauben, und hoffen, das es etwas gibt woran die Menschen im Publikum glauben, sei es Allah oder Gott. Hat die Band eine besondere Verbindung zur Rastafari- Bewegung? Sebastian meint dazu, dass jeder für sich herausfinden muss, was Gott für ihn bedeutet. Es gebe viel Positives beim Rastafari, doch haben Reggae- Texte für Menschen wie sie, die in Deutschland in mehr oder weniger behüteten Elternhäusern aufgewachsen sind, eine ganz andere Bedeutung, als wenn sie von einem Jamaikaner gesungen werden. “Es ist schwierig einen direkten Draht zur Bewegung zu finden. Ich glaube es wäre auch nicht ganz richtig und ehrlich, das alles so völlig zu adaptieren. Es ist einfach eine zu große Diskrepanz, ein ganz anderes Erleben und damit nicht wirklich zu vergleichen. Zwei Welten einfach.”

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SebastianTrotzdem ist Sebastian der Meinung, dass bestimmte Texte und Schlagwörter einfach zum Reggae dazugehören und dass es gut ist, auf Missstände hinzuweisen, oder es zumindest zu versuchen. “Ich glaube, das Zentrale ist einfach die Musik. Was die Musik rüberbringt, was die Musik ausstrahlt und was die Musik für einen darstellt, dazu braucht man die Glaubensbewegung nicht unbedingt. Und das ist auch, was wir versuchen weiterzugeben”.

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Die Ideen der Rastafari-Bewegung wurden durch Bob Marley weltweit verbreitet, ist er aber auch das klassische Vorbild für eine Reggae-Band? “Angefangen haben wir in unserem Jugendzentrum mit Bob Marley. Nicht nur mit ihm, aber der ist irgendwie immer dabei, da kommt man nicht so ganz drum rum”. Dennoch habe jedes Mitglied in der Band seine eigenen Vorbilder und musikalische Vorlieben, Buchan beispielsweise höre auch viel im Jazz- und Blues-Bereich, gar nicht unbedingt nur Reggae. Aber genau dieser Mix verschiedener Vorbilder sei bereichernd für die Band. “Vielleicht auch Bands wie Jahcoustix, mit denen man sich trifft und unterhält, die gute Musik machen und total nett sind. Sie beeinflussen einen auf jeden Fall”.

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Für die Panama Riddim Section ist Reggae einfach etwas total Positives und total wichtig für ihr Lebensgefühl. Sie verbinden mit ihrer Musik gute Laune, Fröhlichkeit, Gemeinschaft und “dieses” Glücksgefühl, das sie versuchen auszudrücken und an das Publikum weiterzugeben. Und dies werden sie zum Glück auch in Zukunft weiterhin versuchen. Im nächsten Sommer wird es dann bei zahlreichen Festivals und Konzerten wieder heißen: “Panama is the sound of the people…”

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Infokasten: Rastafari

Rastafari ist eine Glaubensbewegung, die in Jamaika in den 1930er Jahren begann und mittlerweile weltweit verbreitet ist. Die Mehrheit der Rastas definieren sich jedoch nicht als jamaikanisch, sondern afrikanisch, bzw. äthiopisch. Afrika ist für sie das gelobte Land, Zion. Während Jamaika für sie Babylon ist und nur ein vorrübergehendes Exil darstellt. Der Begriff Rastafari kommt vom Geburtsnamen des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der Ras Tafari Makonnen hieß. Er gilt für die meisten Rastas als lebendiger Gott. Wobei es schwierig ist, von “den” Rastas zu sprechen, weil die Bewegung noch nie eine homogene Einheit war, sondern schon seit ihrer Entstehung aus vielen Gruppen besteht (z.B. den “Twelve Tribes of Israel” oder den “Bobo Dreads”), bei denen teilweise die Kultur, Symbolik, Ziele usw. variieren können. Die Nachricht von Haile Selassies Tod 1975 bedeutete jedoch nicht das Ende der Rastafari-Bewegung. Denn der Aufstieg des Rasta-Reggae-Sängers Bob Marley zum “ersten Superstar der Dritten Welt” ermöglichte eine internationale Verbreitung der Reggae-Musik und damit auch der Botschaft von Rastafari.

Quelle: “Rastafari: Von Babylon nach Afrika” von Volker Barsch

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+Infokasten: Das 1×1, um einen Reggae-Song richtig zu verstehen:

Jah –> Bezeichnung für den Gott der Rastas (je nach Gruppierung, meistens aber Haile Selassie)

Zion –> steht für alles Gute, Tradition, Geschichte, Äthiopien, Heimat, Freiheit, Gemeinschaft usw.

Lion –> die Löwensymbolik dient den Rastas zur Identifizierung mit Äthiopien und mit Haile Selassie, er steht für afrikanisches Selbstbewusstsein, Kraft und Unbesiegbarkeit / Dreadlocks erinnern zudem an Löwenmähne

Irie –> Zustand von Vollkommenheit, Zufriedenheit und Harmonie / kann sich auf Wohlbefinden einzelner Rastas oder auch auf die “positive Vibrations” innerhalb einer Gruppe beziehen / wird außerdem als Grußwort benutzt

I-n-I –> so bezeichnen sich zwei oder mehrere Rastas, drücken damit sowohl Individualität als auch ihre Gleichberechtigung, Verbundenheit und gemeinsame Erfahrung der göttlichen Kraft Haile Selassies aus

Ganja –> Marihuana, Rastas definieren ihr Ganja nicht als Droge, sondern als Heilpflanze, bzw. heilige Pflanze (”Weed of Wisdom”), das Rauchen ist ein zentrales religiöses Rasta-Ritual

Babylon –> steht allgemein für jede Art von Unterdrückung und Ausbeutung, für Hass und Krieg zwischen den Menschen, für Entfremdung und Entwurzelung, kann aber auch für vieles mehr, wie bspw. den Kapitalismus stehen

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Von Josepha Schweizer