Der Jugendmigrationsdienst in Freiburg ist eine Anlaufstelle für viele junge Ausländer. Zu ihm gehört auch die Tanzgruppe “Boundless”, die für viele Mädchen eine zweite Familie ist.

Von Melanie S.

“Fünf, Sechs, Sieben und Acht!” Die Musik dröhnt aus der Anlage doch die Stimme der Tanzlehrerin ist nicht zu überhören. Vor mir fliegen Arme hoch und runter, die Tanzbeine schwingen, und im Wandspiegel sehe ich die strahlenden Gesichter von zehn Mädchen einer Streetdance-Tanzgruppe. “Hier ist es nicht so, wie in einer Tanzschule” erzählt mir eines der Mädchen. “Bei uns kann man kommen und gehen, wann man will”. Bereits als ich den Raum mit dem großen Spiegel betrat, begrüßten mich alle freundlich und die Offenheit der Mädchengruppe sprang mir schier ins Auge.

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Das Franz-Hermann-Haus in Freiburg

Drei Tage zuvor besuche ich erstmals den Jugendmigrationsdienst (JMD) im Franz-Hermann-Haus, eine Einrichtung des Caritasverbandes Freiburg. Kaum betrete ich das Gebäude nehme ich die ersten Töne einer orientalischen Musik wahr. Eine Bauchtanzgruppe tanzt im Nebenraum, wie ich später erfahre. “Jetzt habe ich mir gerade einen Kaffee eingeschenkt”, begrüßt mich Frau Kaluscha freundlich. In einem interessanten Gespräch erzählt sie mir von der Einrichtung. Der JMD wendet sich an Migranten/-innen im Alter von zwölf bis 27 Jahren, die selber oder deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind, aber auch an Institutionen, Einrichtungen, Verbände und deren Mitarbeiter, die in irgendeiner Art und Weise mit Migranten zu tun haben. Für Jugendliche ist der JMD oft die erste Anlaufstelle, wenn sie sich in Deutschland um eine gute Zukunft  kümmern wollen. Ob Schule, Ausbildung, Studium oder einfach nur ein Sprachkurs, die Mitarbeiter der Caritas-Einrichtung versuchen den Migranten auf jede Art und Weise zu helfen und ihnen die Wege zu einer guten Bildung aufzuzeigen oder zu vermitteln. 

“Jeder Jugendliche hier ist froh, wenn er auch nur eine kleine Chance bekommt”

Da fällt mir der junge Mann aus der Straßenbahn ein. “Die Ausländer, die faulen Säcke!“ Beschimpft er. „Kommen in unser Land, liegen faul zu Hause und machen als wäre das Leben ein Ponyhof! Ha, an arbeiten denken die doch nicht!” Die zornige Stimme des Mannes schwirrt noch immer in meinen Ohren. Recht hat er bestimmt nicht, wird mir während des Gespräches mit Frau Kaluscha immer deutlicher. “Im Gegenteil“ sagt sie, „ich erlebe viele Eltern von jungen Migranten, die alles dafür tun, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Jeder Jugendliche hier ist froh, wenn er auch nur eine kleine Chance bekommt”. Sie arbeitet bereits seit 20 Jahren beim Jugendmigrationsdienst und schon an ihrer freundlichen Ausstrahlung sehe ich ihr an, dass sie mit ihrer Berufswahl vollkommen zufrieden ist. “Meine Arbeit gefällt mir. Ich lerne regelmäßig Menschen kennen, mit unterschiedlichen Problemen und Kulturen, das ist sehr interessant.”

Für viele Migranten jedoch ist ein Aufenthalt in Deutschland zunächst eine Höllenfahrt. “Es gibt beispielsweise junge Frauen, die bereits eine Ausbildung hinter sich haben, nach Deutschland kommen und bei Null anfangen müssen. Viele Berufe oder Abschlüsse werden hier einfach nicht anerkannt”, schildert mir Frau Kaluscha. Oft ergeht es den ausländischen Kindern wie der 16-jährigen Leonora. Sie lebt seit acht Jahren in Deutschland und hat vor einigen Monaten ihren Realschulabschluss gemacht. Schon seit ihrer Kindheit träumt sie davon, Krankenschwester zu werden. Heute liegt die Absage ihrer Bewerbung auf dem Tisch. Begründung: Eine Vier in Deutsch! Unglaublich, denkt man sich. Dabei stelle ich mir vor, selbst in ein fremdes Land zu ziehen, dessen Sprache ich nicht kann. In diesem Land dann auch noch meinen Abschluss zu machen, kann ich mir kaum vorstellen. In solchen Fällen bleibt Frau Kaluscha optimistisch und versucht den Betroffenen so gut sie kann zu helfen, um eine Lösung zu finden. Mitleid verspürt sie trotzdem.

In Familien wie der von Leonora fehlt es an Geld in vielen Ecken . Nachhilfe ist daher auch nicht in Sicht, mit welchem Geld sollte man die denn bezahlen ? Ebenso Sprachkurse. Deutschland bietet Einwanderern viele Sprachkurse an, doch das zu hohen Preisen. Beim Jugendmigrationsdienst ist Geld kein Thema. Dank einiger ehrenamtlicher Arbeiter kann der JMD kostenlose Nachhilfe für Jugendliche anbieten. ”Die Nachfrage ist in diesem Bereich sehr groß, deshalb mussten wir schon anfangen, Wartelisten zu schreiben, damit jedem geholfen werden kann und wir keine Absagen geben müssen.” Das bemerke ich während meines Interviews, als das Telefon klingelt und eine Schülerin anruft , dass sie Nachhilfe brauche. Auch sie muss sich gedulden und erstmal auf eine Warteliste.

“Die Leute sind meistens viel offener als wir Deutsche”

Außer den vielen Beratungen und Sprechstunden zum Thema Zukunft & Bildung unterstützen die Mitarbeiter die Einwanderer jederzeit beim Bewerbungen schreiben, Arbeitslosengeld II beantragen oder beraten beispielsweise junge Frauen oder Mädchen bei einer frühen Schwangerschaft. “Es gab auch schon Mädchen, die in ihrer schwierigen Pubertätszeit von zu Hause abgehauen sind. In solchen Fällen helfen wir natürlich besonders.” Die Sprache sei dabei nie ein Problem. Auch wenn Frau Kaluscha nur deutsch und englisch spricht, kann sie sich meistens gut mit Migranten verständigen. Einen schlechten Eindruck scheinen die Ausländer hier nie zu hinterlassen. “Die Leute sind meistens viel offener als wir Deutsche. Sie kommen auf einen zu mit einem strahlenden Gesicht trotz ihrer ungewissen persönlichen Lage, das ist beeindruckend. Unfreundliche Menschen erlebe ich hier wirklich selten.”

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Der JMD ist eine Einrichtung des Caritasvebandes

Außer den persönlichen Beratungen bietet der JMD verschiedene Gruppenstunden und Veranstaltungen an, wie den Frauen- und Männertreff, Orientalisches Tanzen oder Singen in einem russischen Chor. Seit einigen Jahren hat sich das Angebot durch verschiedene Projekte erhöht. So gibt es zum Beispiel ein “Gewaltfrei stark!” Projekt, das Gewalt- und Suchtproblemen bei Jugendlichen vorbeugen soll. Darunter sind oft Jugendliche, die bereits straffällig waren und von Staatsanwälten geschickt werden. “Diese Arbeit ist nicht immer ganz einfach, doch Schwierigkeiten bereitet uns das Projekt keineswegs.”

Seit etwa zwölf Jahren gibt es das Projekt “Sport um Mitternacht”, das verschiedene Angebote wie Tanzen oder Gruppenstunden für Jugendliche bietet. Streetdance tanzen, mit Mädchen verschiedener Nationalitäten im Alter von 13-18 Jahren, ist eines der Angebote. Jeden Freitag von  16.30 bis 19.30 Uhr trifft sich die Tanzgruppe, um ihrer Körperkreativität freien Lauf zu lassen. ”Ich komme hier her, weil man hier nichts zahlen muss, und damit falle ich meinen Eltern finanziell nicht so zur  Last”, erzählt mir ein Mädchen ganz offen und ehrlich. Geld spielt hier keine Rolle. Migrationshintergründe sind hier etwas völlig normales, nur ein Mädchen der Gruppe kommt aus Deutschland, doch selbst das macht hier kein Unterschied. Aufgenommen wird jede.

“Wir sind wie eine Tanzfamilie”

“Am Anfang konnte ich die Tanzschritte noch gar nicht, doch das ist hier nicht so schlimm. Jeder darf Fehler machen, anders als in einer Tanzschule.” Die Mädchen sind gerne hier. Sie treffen sich, um zu tanzen, aber auch, um ihre Freunde zu sehen. “Wir sind wie eine Tanzfamilie”, betont Nesli ganz stolz. Nesli ist 13. Sie ist zwar in Deutschland geboren, doch ihre Eltern stammen aus der Türkei. Seit ein paar Monaten ist sie nun schon dabei. Zusammen mit ihrer Schwester kommt sie jeden Freitag immer wieder gerne. “Hier ist es viel persönlicher als in anderen Tanzgruppen. Es ist egal, ob man Deutsche, Russin, Türkin oder Rumänin ist, hier findet man Freunde und das ist das Wichtige.” Zu Beginn der Tanzstunde zeigen mir die Mädchen einen ihrer Tänze, mit dem sie schon zwei Auftritte hatten. Schon bald reizt das Zuschauen den Rhythmus in meinem Blut. Die Lockerheit und Freude der Mädchen und die Atmosphäre in der Gruppe faszinieren mich.

Sofia, 16, aus Russland, lebt seit 1999 in Freiburg. Sie erzählt mir, wie sie zur Streetdance-Gruppe kam. “Zuerst nahm ich an einem Bauchtanzkurs auch hier im Jugendmigrationsdienst teil, als ich die Werbung für das Streetdance-Angebot sah und mich entschied dort mitzumachen. Seit ungefähr September 2009 bin ich nun dabei und mir gefällt es sehr. Wir lernen sehr gute Tänze und die Lehrerin ist keinesfalls streng.” Das Tanzen ist für viele ein Ausgleich zu den Problemen in der Schule oder zu Hause, es fördert die Integration der Einwanderer, mit deutschen Kindern und Jugendlichen, zusammen zu sein. Auch Aminata, 17, ist ein Mitglied der Tanzgruppe. Sie wurde in Frankreich geboren und kam mit vier Jahren nach Deutschland. Ihre Ursprünge sind arabisch. Zu der Tanzgruppe kam sie durch das Jugendzentrum in Umkirch, das sie auf das Angebot im JMD aufmerksam machte. Dass in dieser Gruppe hauptsächlich Ausländer sind, stört sie überhaupt nicht. “Das kennt man ja alles schon von der Schule oder so. Mittlerweile gibt es überall Ausländer.” Dabei ist sie nun seit einem Jahr und ihre Tanzschritte werden immer besser. 

“Boundless heißt grenzenlos”

Nach drei Stunden ist die Trainingseinheit für heute beendet, doch ich sehe den Mädchen an, aufhören würden sie am liebsten gar nicht mehr. ”Unsere Tanzgruppe hat sogar einen Namen!” erwähnen die Mädchen begeistert. “Wir nennen uns ‘Boundless’“. Als ich frage, was das für sie bedeutet, sagen sie. “Boundless heißt grenzenlos. Für uns bedeutet das die grenzenlose Anzahl verschiedener Nationalitäten in unserer Gruppe!”

 

Die Tanzgruppe “Boundless” des JMD Freiburg

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→ Infokasten: Kosten für Deutschkurse in Freiburg

Das Goethe-Institut in Freiburg bietet verschiedene Sprachkurse, in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Dabei hängen die Kosten von Dauer, Unterkunft (bei längeren Anfahrten) und Intensität ab:

Intensivkurs ( 4-8 Wochen):  zwischen 955 und 2770 € 

Deutsch für den Beruf (ca. 2 Wochen):  zwischen 1100 und 1340 € 

Wirtschaftsdeutsch (4 Wochen):  zwischen 1950 und 2380 € 

Trotz hoher Kosten ist die Effektivität der Kurse im Goethe-Institut sehr gut. In Kurzer Zeit (sechs Monate) können Deutschkenntnisse erworben werden, die für einen Hochschulzugang ausreichend sind. Bei anderen Einrichtungen kann dieses Leistungsziel zwei Jahre und länger dauern.

Weitere Info’s unter www.goethe.de !