Fasnacht ohne Alkohol ist auch keine Lösung! Oder doch?

Anna Ruf

Infokasten: Woher stammt eigentlich „Fasnacht, Fasnet, Karneval, Fasching“?

Fasnacht oder schwäbisch-alemannisch „Fasnet“ findet ihren Ursprung circa im 13. Jahrhundert. Sie umfasst den Zeitraum der letzten 6 Tage vor Beginn der Fastenzeit. Fasnacht wird vorwiegend in katholischen Gegenden praktiziert, diente anfangs jedoch der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Vor dem Fasten wurde den Christen die Gelegenheit geboten, Nahrungsrestbestände zu verzehren. Seit dem 13. Jahrhundert ergab sich daraus ein Brauch, welcher mit Freude, Tanz und Maskierung gefeiert wird. Fasnacht ermöglicht den Menschen, dem Alltagstrott zu entfliehen und spendet ihnen Lebensmut sowie eine Aufhebung der bestehenden Sitten und Ordnungen. Die Verkleidung erlaubt den Feiernden Anonymität, durch die sie ausgelassen miteinander Fasnet erleben und ausleben können.

Quelle: http://www.narren-spiegel.de/geschichte/ursprung.html

Worterklärungen: “Häs” schwäbisch- allemannischer Begriff für Narrenkostüm

“Jeggis Nai” heimischer Ausdruck in Bollschweil für Narri Narro


Artikel: Es ist ja schließlich Fasnacht!

Von weitem höre ich den ohrenbetäubenden Lärm der Guggenmusik. Trommeln und Blechbläser schmettern ihre Töne, welche im ganzen Umkreis der Festhalle unüberhörbar bleiben. Es ist 20.11 Uhr, das närrische Treiben kann beginnen. Vor der Halle tummeln sich viele Narren. Das Meer aus bunten Farben erschlägt mich beinahe. Um mich herum erschallt Gelächter. Einige grölen lauthals Fasnachtslieder, oder schreien sich an, um den Lärm zu übertönen. Das Ganze wird untermalt vom ständigen Klingeln der Glöckchen, die ihr Zunftgewand, das Häs, zieren. Ein Junge in grünem Häs kotzt in die Hecke, er sieht richtig fertig aus, obwohl der Abend gerade erst offiziell begonnen hat. Ein Anderer, welcher selbst nur noch taumeln kann, hält ihn dabei fest. An Alkohol ist hier sicherlich nicht gespart worden.

Ich drängele mich durch die Menge und gehe mit meinen Freundinnen in die Halle. Die Luft ist bereits abgestanden, und ich rieche eine Mischung aus Zigarettenrauch und verschütteten Alkohol, hier und da liegen Scherben. Aber das stört mich nicht, es ist schließlich Fasnacht.
Unsere Stimmung droht zu kippen, doch wir sind gerade erst gekommen und noch nüchtern. Beim ersten Rundgang schauen wir, wer so alles da ist, denn alleine nur mit meinen Mädels fühle ich mich zu sehr beobachtet. So ohne Häs fallen wir auf, also suchen wir Anschluss. Wieder quetschen wir uns durch ein Getümmel von Narren. „Hey, schöne Frau, darf man dir was spendieren? Woher kommst du denn? Kennen wir uns nicht irgendwoher?“, „Willst du heut Abend meine Prinzessin sein?“, und noch andere Kommentare bekommen wir zu hören. Höchste Zeit, dass wir unsere Freunde auffindbar machen, damit zumindest das aufhört. Nicht, dass ich nicht gerne Komplimente höre, aber ein bisschen angewidert bin ich schon. Einen von denen kenne ich sogar vom Sehen. Ich weiß, dass er zuhause eine Frau und zwei Kinder hat. Morgens Daddy und abends Aufreißer von jungen Mädchen. Ich wende mich ab und ignoriere sie gänzlich. “Mir ist langweilig, komm lass was trinken, dann wird‘s lustiger”, schreit mir meine Freundin ins Ohr. Na gut, warum auch nicht, ich will keine Spaßbremse sein, und man kann mir meine Nüchternheit vermutlich von der Stirn ablesen.

Also trinken wir an der Bar das erste Gläschen. Dabei treffe ich endlich noch einige Bekannte. Ich werde gleich etwas lockerer, werde offener, rede mehr und trage aktiv zur guten Laune bei. Kurze Zeit später ist das Glas leer, und ich werde auf weitere eingeladen. Na gut, warum auch nicht, es ist ja schließlich Fasnacht.

So langsam ist alles bestens. Ich fühle mich wohl, doch es dreht sich alles ein bisschen. Ich glaube, es ist besser, erstmal zu verschnaufen. Man soll mir nicht gleich anmerken, dass ich schon etwas angetrunken bin. Diesen Ruf möchte ich nicht haben. Zusammen mit meinen Freunden gehe ich auf die Tanzfläche zum Schunkeln und Singen. Das „Fliegerlied“ setzt an, ein Fasnachtsklassiker von Tim Toupet. Alle tanzen, lachen und halten sich an den Händen, man ist mittendrin. Ich fühle mich als Teil einer großen Familie, selbst wenn ich die Person neben mir nur vom Sehen her kenne. Das Eis ist gebrochen und der Stimmungspegel steigt. Wir grölen mit, denn “heut ist soo ein schöner Tag lalalalalaaaaaa” und fliegen und springen.
Ich vergesse alles, was in der letzten Zeit schiefgelaufen ist. An diesem Abend zählt nur das Jetzt. Das ist ideal zum Abschalten und mal voll aus sich heraus zu gehen.
Mittlerweile werden auch die Anmachsprüche eingestellt. Wenn dennoch einer der Narren mir zu nahe kommt, hänge ich mich an ein paar Freunde, die auf mich achten. Ich möchte schließlich nicht, dass mir etwas passiert und dass einer dieser Männer zu aufdringlich wird.

Die abgestandene, stickige Luft macht mir mit der Zeit zu schaffen. Deswegen gehe ich kurz mit einem meiner Freunde ins Freie. Der Junge im grünen Häs von vorhin taumelt an mir vorbei und übergibt sich schon wieder in die Hecke. „Wenn voll bisch, gehsch heim!“, hör ich einen älteren Hästräger grölen. Eine Frau, die gerade ihren Sprössling abholt, schüttelt den Kopf. „Die Jugend von heute, nur noch Blödsinn im Kopf!“ Er sieht wirklich richtig jung aus und ist bestimmt noch nicht volljährig. Wenn der so weiter macht, wird er auf der Intensivstation übernachten. Der feiert, bis der Arzt kommt. So weit würde es bei mir nie kommen. Ich kenne meine Grenzen gut, außerdem will ich mich an das närrische Treiben  zurückerinnern können.
Ein Bekannter klopft mir auf die Schulter. Er will die Veranstaltung frühzeitig verlassen, da er am nächsten Tag zeitig raus muss, und zückt seine Autoschlüssel.  Ich weiß ganz genau, dass er mindestens drei Gläser Wodka intus hat. Er will trotzdem fahren. „Es wird schon nichts passieren“, sagt er, „ich fahr ja vorsichtig“.
Ich zerbreche mir besser nicht den Kopf darüber, ich hoffe nur, er steht morgen nicht in der Schlagzeile: “Jugendlicher stirbt unter Alkoholeinfluss bei Verkehrsunfall.“  Unfälle sind in der Fasnachtszeit keine Seltenheit. In der Zeit vom 2. bis 4. Februar letzten Jahres ereigneten sich allein in Baden-Württemberg 272 Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss. Es wurden 704 Führerscheine entzogen und weitere 999 Fahrer erhielten Fahrverbot oder Geldbußen. Die Polizeikontrollen sind strikt. Für Fahranfänger in der Probezeit gilt: Wer Alkohol im Blut hat, ist den Lappen los.

Es wird schon gutgehen, aufhalten kann ich ihn sowieso nicht. Er ist alt genug und es ist seine Entscheidung. Trotzdem fühle ich mich nicht wohl dabei und gehe wieder in die Halle.

Es ist kurz vor eins, eine Guggenmusik gibt einige Fasnachtsklassiker zum Besten. Die Halle ist jetzt brechend voll. Ein paar Zünfte geben noch den einen oder den anderen kleinen Schmankerl, sei es Tanz oder Herren im Röckchen, die wild über die Bühne hüpfen.

Irgendwann spüre auch ich den Alkohol nicht mehr. Außerdem werde ich müde, möchte aber die Stimmung nicht verderben. Die Halle leert sich schon allmählich, daher gehe ich mit meinen Freundinnen nach Hause. Auf dem Heimweg summen wir noch einige Fasnachtslieder, bis zum nächsten “Jeggis Nai”.

Das Trinken gehört einfach dazu

Der Kater am Morgen danach ist grausam, dazu akuter Schlafmangel. Es war mal wieder ein echt langer Abend! Für manch einen schon ein hoher Preis für die feuchtfröhliche Fasnacht! Wie aber ist es, wenn man Fasnacht als Hästräger miterlebt? Finden Umzüge und Narrentreffen wirlich nur in alkoholisiertem Zustand statt? Wie leicht geraten Minderjährige Zunftmitglieder an Alkohol und wie sehr leidet die Gesundheit wirklich? Vorallem lohnt sich der Kater am Morgen danach? Ich hab mich auf die Suche  begeben und bin der Sache auf den Grund gegangen bei einem Interview mit zwei waschechten Hästrägern!

Julia (20)  ist einer Zunft beigetreten, weil sie zur „Fasnachts-Community“ dazugehören wollte. „Ich habe schon immer gerne Fasnacht gefeiert. In einer Zunft bekommt man vielmehr Termine mit und es ist ein ganz anderes Gefühl, ein Narrentreffen im Häs zu besuchen“, schildert sie. Aber wie anstrengend ist so ein Zunftwochenende wirklich? „Volles Programm“, erzählt sie, wobei nicht alles Pflichttermine wären. „Man trifft sich an einem Treffpunkt und fährt zusammen mit dem Zunftbus zum Narrentreffen“, erklärt Moritz (20), auch Mitglied einer Zunft. „Unterwegs wird dann angefangen zu trinken. Von Bier, Wein, Sekt und Wodka ist alles dabei, so kann die Party, wenn man angekommen ist, auch direkt beginnen“. Zur ihrer Zunfttaufe dürfen sich die beiden nicht äußern, denn das ist geheim. „Aber wenn man dann getauft ist, bekommt man einen Orden und gehört mit ihm offiziell dazu“, sagt Moritz. Julia hat ihre Taufe noch vor sich und warnt: „Ein Zuckerschlecken wird es bestimmt nicht“.

Ich wollte wissen, wie es mit den jüngeren Zunftmitgliedern aussieht. Bald wird klar, dass es für diese kein Problem ist, in eine Halle eingelassen zu werden. „Schon allein wegen dem Häs können die Security-Leute ihr Alter schlechter einschätzen, als Hästräger kommt man eigentlich immer in die Halle, ob U16 oder nicht“, meint Julia. Auch Moritz erzählt mir, dass Minderjährige aufgrund der mangelnden Alterskontrollen, länger in den Hallen bleiben, als das Jugendschutzgesetz es zulässt. Auch deswegen, weil man als Zunft die Halle nicht vor halbzwei Uhr verlässt. Julia ergänzt: „Wenn sie Hart-Alk wollen, dann bekommen sie den auch, da muss man nur mal eben den 18-jährigen Freund fragen.“

Auch unter gesundheitlichen Aspekten ist Fasnacht nicht förderlich. Vor Allem Schlafmangel und der Kater seien die größten Beschwerden.  „Man braucht schon ein starkes Durchsetzungsvermögen“, stellt Julia fest, „wenn du mal nichts trinken willst, wirst du die ganze Zeit bequatscht. Vor allem am Rosenmontag ist es extrem. Man fängt morgens schon an zu trinken und so geht es den ganzen Tag weiter. Außerdem ist die Kälte bei den Umzügen der Horror!“

Ob Tim Toupet, Mickey Krause oder Jürgen Drews, die Fasnachtsmusik ist auch ein fester Bestandteil jeder Fasnachtsparty. Aber tragen Lieder wie „Eine neue Leber ist wie ein neues Leben“ nicht zum Alkoholkonsum bei? „Die Schlager- oder auch Guggenmusik verleitet zum fröhlich sein und zum Feiern. Da will man natürlich auch Spaß haben und trinkt“, erklärt Moritz.  Auch Julia ist der Meinung, dass die gute Laune, die durch die Schlagermusik geschaffen wird, das Trinkverhalten beeinflusst. Jedoch kommt es auch darauf an, ob man die Musik gerne hört. Über ihre Grenzen sind beide noch nie gegangen. „Wenn man zu weit geht, hat das nichts mehr mit Fasnacht zutun“, behauptet Moritz.  Julia erzählt mir, dass sie und ihre Freunde immer gegenseitig auf sich achten, außerdem sind Führerschein und ihre Mitfahrer ihr viel zu wichtig, um etwas auf‘s Spiel zu setzen.

Abschließend fragte ich beide, was sie von der These halten, dass Fasnacht heute nur noch mit Alkohol im Blut auszuhalten ist? Julia ist überhaupt nicht dieser Meinung, denn sie kann auch nüchtern ihren Spaß haben. „Wenn die Leute keine Schlager mögen und der Meinung sind, Fasnacht ist nur im Suff auszuhalten, dann fragt man sich, warum die überhaupt kommen“.

„Es wird nie eine Fasnacht geben, die ohne Alkohol stattfindet“, behauptet Moritz, „das Trinken gehört einfach dazu“. Dennoch verrät er mir, dass er manchmal froh ist, ab und an den Fahrer zu spielen. „Es muss ja nicht jede Veranstaltung mit einem totalen Blackout enden!“

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Unfallstatistik: http://www.polizei-bw.de/Presse/pm2008/Seiten/prim_014_09.aspx