„Hajde! Komm…“, ruft M. und hält Sophie die Tür zum Franz-Hermann-Haus auf. Zusammen betreten sie das Jugendzentrum und  das Büro der Sozialarbeiter. M. kam vor zehn Jahren aufgrund des Kosovo Krieges nach Deutschland. Als jüngstes von sechs Kindern floh er mit seiner Familie per Schiff nach Italien und von dort kam er nach Freiburg. Mittlerweile ist M. neunzehn Jahre alt, besucht die Schule in Littenweiler und jobbt nebenher um seine Eltern finanziell zu unterstützen.

Er ist einer der vielen Kosovo-Roma, die in Deutschland leben und Diskriminierung in alter und neuer Heimat gewohnt sind. Zu oft schon hat er Ausdrücke wie „dreckiger Zigeuner“ gehört und auch im ehemaligen Jugoslawien kamen sie vor und während des Krieges immer wieder zwischen die Fronten. Serben hielten sie für Kroaten oder Albaner und umgekehrt, nirgendwo wurden sie wirklich akzeptiert, wurden immer wieder vertrieben und viele Menschen mussten ihr Leben dabei lassen. Noch immer sind in Deutschland und anderen Ländern die Vorurteile über „Zigeuner“ nicht aus der Welt geschafft. Deutschland ist das einzige Land, dass Zigeuner in „Sinti und Roma“ aufteilt, da der Begriff „Zigeuner“ durch jahrelange Verfolgungen negativ belastet ist, unter anderem durch die Ermordung tausender Zigeuner während des Dritten Reiches, schätzungsweise 500.000 Menschen starben. Das Romanes Wort dafür ist „Porrajmos“, zu Deutsch „das Verschlingen“. Auch der Versuch, den Begriff „Zigeuner“ auf „Zieh-Gauner“ zurückzuführen, ist nicht hilfreich. Vorurteile und Mythen von klauenden, betrügenden und mordenden „Zigeunern“ tragen nicht unbedingt zur Akzeptanz in Deutschland bei. Seinen Ursprung hat das Wort allerdings schon im antiken Griechenland und direkt angelehnt ist es an das slawisch übliche Wort „Cigani“. Dabei kommt es den meisten Sinti und Roma gar nicht darauf an, wie man sie nun nennt, sondern darauf, wie man mit ihnen umgeht. Auch ist kein Roma froh Sinti genannt zu werden und umgekehrt, da zwischen den beiden erhebliche Kulturunterschiede gibt. Ausserdem ist das Wort „Zigeuner“ ist im Deutschen nun mal alltäglich, kein Mensch kommt auf die Idee von „Sinti-und-Roma-Sauce“ oder -Schnitzel zu sprechen. Die Behauptung, dass sich diese Bevölkerungsgruppe absichtlich isoliert, trifft auf die meisten Fälle nicht zu. Natürlich haben sie ihre alte Kultur bewahrt, sie sprechen die „Zigeunersprache“ Romanes, machen ihre eigene, spezielle Art von Musik und haben traditionelle Feste bei denen teilweise auch die traditionellen Gewänder getragen werden. Nur so konnte die Kultur ja überhaupt über die ganzen Jahre seit ihrem Auszug aus Indien im 8. Jahrhundert bewahrt werden. Doch all das schließt ihre Bemühungen nicht aus, sich zu integrieren, zur Schule zu gehen und zu arbeiten.

So zum Beispiel auch M.. Wie viele andere Jugendliche verbringt er einen Teil seiner Freizeit im Caritas Jugendzentrum, wo er mit diversen anderen Kulturen konfrontiert ist. Dieses ist auf die Integration junger Migranten spezialisiert und basiert auf dem sportpädagogischen Prinzip. Das bedeutet unter anderem ein Tanzangebot mit Breakdance-, Streetdance- und Bauchtanzunterricht; Auftritte und so genannte „Breakdance-Battle“ werden organisiert. Auch andere Sportarten kommen nicht zu kurz. Das „Gewaltfrei stark“ -Projekt beinhaltet einerseits Box- und Kickboxtraining, aber auch Kanu-, Rafting- und Wandertouren. Immer Freitags findet ab 22.00Uhr in der Sporthalle der Albert-Schweizer Schule der Mitternachtssport statt; gut besucht mit durchschnittlich 60 Sportlern pro Abend. Wichtig für die Integration ist es, gemeinsam etwas zu unternehmen und Gedanken auszutauschen. Nur wenn man miteinander spricht und sich auf andere einlässt kann man seine eigene Position klarmachen und andere verstehen. Das ist das Ziel des Jugendzentrums. Ein Billardtisch und Kicker sowie einige Computer mit Internetanschluss stehen den Besuchern zur Verfügung. Wer Lust hat, kann im Probenraum Aufnahmen machen, Ende letzten Jahres wurde auch eine CD veröffentlicht. Die CD ist international, die Künstler kommen unter anderem aus dem Kosovo, Russland, Albanien und Deutschland.

Aber auch für verwaltungstechnische Dinge ist die Caritas eine gute Anlaufstelle. Sie helfen bei schulischen Problemen, bieten zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe an. Für Bewerbungen stehen die Mitarbeiter ebenfalls immer zur Verfügung. Darüber hinaus ist der Jugendmigrationsdienst, kurz JMD, auch Kooperations- und Ansprechpartner für Behörden, Institutionen und andere Fachdienste. Und genau das ist der Grund weshalb sie hier sind. M.´s ältere Schwester Merdijana soll mit ihrem Sohn Kerim abgeschoben werden. Sie ist jetzt 26, da aber sie für einige Zeit in Schweden gelebt hat, besitzt sie nicht den selben Aufenthaltsstatus wie der Rest ihrer Familie. 2001 hat sie einen schwedischen Roma geheiratet und sie bekamen zwei Kinder zusammen. Als sie sich trennten kam Meda im Oktober 2008 wieder nach Deutschland zurück und war damals im dritten Monat schwanger. Im April 2009 kam ihr dritter Sohn auf die Welt, erhielt aber den selben kosovarischen Pass wie seine Mutter. Doch nun muss sie wieder zurück nach Schweden. Sie hat Angst, da sie nicht viel Schwedisch sprechen kann und dort allein in einem Frauenhaus leben wird. Ausserdem möchte sie gerne, dass ihre beiden anderen Söhne auch bei ihr leben. Doch die Regeln der Roma sind klar: Im Trennungsfall leben die Kinder beim Vater und dessen Familie. Die Gesetze in Schweden und Deutschland sind genauso eindeutig, da Meda ihren Mann nicht standesamtlich geheiratet hat, werden die Kinder im Normalfall ihr zugesprochen. Doch wie soll sie sich ohne die Sprache zu verstehen allein in einem fremden Land für ihre Kinder einsetzen?

Hier wird Caritas ebenfalls aktiv. Verbindungen zu Anwälten und Frauenhilfsorganisationen wurden hergestellt, Anträge gestellt und Formulare ausgefüllt. Dass M. und seine Familie muslimischen Glaubens sind, hindert die von der katholischen Kirche organisierten Institution nicht daran zu helfen. Auch ich habe mich mit aller Kraft dafür eingesetzt, dass sie in Deutschland bleiben kann, doch die Rechtslage ist klar. Schweden ist genau wie Deutschland ein Rechtsstaat und gilt als sicheres Land. Die Abschiebung lässt sich nicht vermeiden. Sie muss sich einige Jahre in Schweden aufhalten und einen schwedischen Pass erhalten, um dauerhaft nach Deutschland kommen zu können. Mit vereinten Kräften wurde alles organisiert, vom Flug bis zur Unterkunft in einem Frauenhaus und die Adressen der wichtigsten Anlaufstellen wurden alles für Meda herausgesucht. Aber die Familie leidet darunter. In Roma Familien ist der Zusammenhalt innerhalb der Familie meist sehr stark, gerade auch als Kriegsflüchtlinge und seit Jahren verfolgter Volksstamm. M. wird das Schicksal einer Abschiebung wahrscheinlich erspart bleiben, da er in Deutschland zur Schule geht und hier arbeitet. Auch die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft ist ihm gut gelungen, er hat nun auch eine deutsche Freundin die sich für seine Kultur interessiert und gut mit seiner Kultur klarkommt, die ihm aber auch bei der Integration und bei herkunftsbedingten Problemen helfen kann. Man sollte niemanden aufgrund irgendwelcher Vorurteile in Schubladen stecken und verurteilen. Letztlich sind wir alle, unabhängig von Herkunft oder Religion, doch „nur“ Menschen.

Sabrina F.