Im Gottesdienst lassen sich Jugendliche an einer Hand abzählen und doch engagieren sich 10.000 junge Menschen ehrenamtlich

Sonntagmorgen, 10.20 Uhr. Die Anzeigentafel an der Wand zeigt die Nummer 257 an.  Von der Empore erklingt das Vorspiel der Orgel. Dann beginnen alle zu singen. Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke. Der Pfarrer steht vorne am Altar und singt lauthals mit tiefer Stimme mit. Die Oma rechts von mir etwas höher und ein bisschen schief. Ich schaue mich um. Etwa 40 Leute sitzen in der Kirche. Eine Familie mit 2 kleinen Kindern, einige Erwachsene und sonst nur Omas und Opas. Vorne im Altarraum stehen zwei Mädchen in rot-weisen Gewändern, die ungefähr 15 Jahre alt sind. Daneben zwei Jungs und ein Mädchen, die vielleicht in die  fünfte oder sechste Klasse gehen. Sonst sehe ich weit und breit keinen, der ungefähr in meinem Alter ist. Vielleicht ist die Kirche ja doch nur noch etwas für alte Leute.

Ortswechsel, Dekan-Stromeyer-Haus im Münstertal, letzte Woche der Weihnachtsferien. Auf dem Hof stehen sich 30 Jugendliche in zwei Reihen gegenüber. Auf Kommando imitiert die eine Seite einen Jäger mit Gewehr in der Hand, die andere Seite strekt die Hände in die Höhe und brummt wie ein Bär. Dann rennen die “Jäger” los und versuchen die anderen zu fangen. Nach dem Spiel gehen alle ins Haus. Auf dem Programm steht heute Morgen “Der perfekte Gruppenleiter”. Die Jugendlichen lassen sich in einem dreiteiligen Kurs von fünf jungen Erwachsenen zu Gruppenleitern ausbilden. Sie lernen wie man sich als Leiter in verschiedenen Situationen am besten verhält, wie man eine Gruppenstunde vorbereitet und durchführt, was alles zur Aufsichtspflicht gehört, wie man zu vielen neuen Spielen kommt und noch einiges mehr. Wenn sie nach dieser Woche müde aber glücklich nach Hause kommen werden sie dort in ihrer Ministrantengruppe, bei der Katholischen jungen Gemeinde, bekannt auch als KjG, oder bei den Pfadfindern Gruppenstunden halten oder Sommerlager organisieren. Es gibt sie also doch, die Jugendlichen die etwas mit der Kirche am Hut haben. Und es sind nicht wenige, in der Erzdiözese Freiburg engagieren sich ca. 10 000 Jugendliche ehrenamtlich in kirchlichen Organisationen.

Maria, 20 Jahre, war selbst bei den Ministranten seit sie 9 Jahre alt ist. Heute ist sie Lehramtsstudentin und Teil des Leitungsteams auf dem Grundkurs für Gruppenleiter. Sie möchte Jüngeren die Möglichkeit geben, genauso schöne Gruppenerlebnisse und Erfahrungen zu machen wie sie selbst früher. “Ich finde es sinnvoll, Kindern und Jugendichen zu zeigen, dass es jenseits von PC und Fernseher noch viele Möglichkeiten gibt, tolle Dinge zu erleben”, sagt Maria. Zusammen mit ihrer Leiterrunde, die aus acht weiteren Jugendlichen besteht, organisiert sie wöchentliche Gruppenstunden und gemeinsame Aktionen mit allen Ministranten der Pfarrei. Das sind momentan 30 Kinder und Jugendliche zwischen 15 und neun Jahren, die sich kurz auch die “Minis” nennen. Mal gehts Kanu fahren, ein anderes Mal wird im Tipi oder im Stroh übernachtet. Außerdem engagiert sich Maria auch Pfarreiübergreifend. Sie war 4 Jahre im Dekateam, sozusagen eine Leiterrunde auf Dekanatsebene. Dort werden offene Treffs im Jugendbüro organisiert, wie zum Beispiel der Pizzatag oder das Adventscafé vor den Weihnachtsferien. Es gibt Wochenenden für Jugendliche, die noch keine Leiter sind, aber “auf dem Sprung in die Jugendarbeit” stehen oder Wochenenden für alle Leiter, um einfach mal zu entspannen.

Dieses Jahr ist Maria zum ersten Mal Leiterin auf dem Grundkurs. Mit 16 Jahren nahm sie selbst an diesem Kurs teil. “In der Jugendarbeit versuchen wir, jeden Einzelnen als Persönlichkeit zu stärken, was in der heutigen Zeit sehr wichtig ist”, findet die Studentin. So ähnlich steht das auch im Leitbild des BDKJ, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend.”Kirchliche Jugendarbeit fordert und fördert junge Menschen in der Begegnung mit sich selbst, mit anderen, und mit Gott, ihre unverwechselbare Identität zu finden und so fähig zu werden als Christinnen und Christen in Kirche und Gesellschaft zu handeln.” Der BDKJ ist der Dachverband aller katholischen Jugendverbände in Deutschland, wie zum Beispiel die Ministranten, die Kolpingjugend, die KjG oder die DPSG, die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg.

Doch fragt man die Jugendlichen die Mitglieder dieser Verbände sind, ob sie an Gott glauben, erhält man verschiedene Antworten. Die 18-jährige Silke glaubt an Gott, weiß aber auch nicht genau warum. “Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass jeder Mensch eine Orientierung im Leben braucht und Gott ist dafür eine geeignete Figur. Und eine Rolle spielt, dass ich mit Gott, beziehungsweise der Religion aufgewachsen bin”, vermutet sie. Till dagegen, er ist 16 Jahre alt, denkt nicht, dass es einen Gott gibt, da zu vieles gegen ihn spricht. Er glaubt eher an Naturwissenschaften. Trotzdem engagiert er sich in seiner Pfarrei bei den Ministranten in der Leiterrunde, was ihm auch Spaß macht. Die Meinungen gehen also sehr weit auseinander. Sehr viele Jugendliche sind wie Maria der Meinung, “dass es da irgendwas oder irgendwen gibt”, aber ob Gott das ist, wie die Kirche es sagt, das weiß sie nicht. Auch die Shell-Studie von 2006, die sich mit Jugendlichen auseinandersetzt, belegt dies. 23% der Jugendlichen sind sich unsicher was sie glauben sollen. Obwohl die meisten Jugendlichen sich nicht eng an die Kirche gebunden fühlen und nicht das glauben, was die Kirche vorgibt, finden es 69% der jungen Leute gut, dass es eine Kirche gibt.

Besonders in Punkten wie Abtreibung, Verhütung oder dem Zölibat können viele Jugendliche die Ansicht der katholischen Kirche nicht nachvollziehen. Deshalb denken auch 65% der Befragten, dass sich die Kirche ändern müsse, wenn wie eine Zukunft haben wolle. Silke würde auch Frauen als Priester zulassen und eine Hochzeit für Pfarrer erlauben.  Die katholische Kirche wird von vielen als zu altmodisch und starr empfunden, eben nur noch als etwas für die ältere Generation, für die Omas und Opas. Den Gottesdienst, der viele traditionelle und symbolische Handlungen beinhaltet, wird von den Jugendlichen nicht mehr verstanden. Wenn ein junger Mensch heutzutage Probleme hat, betet er keinen Rosenkranz, so wie das vielleicht vor 50 Jahren noch üblich war. Auch Maria schildert dieses Problem: “Die Jugendlichen wünschen sich jemanden, der sie ernst nimmt in ihrer Situation mit ihren Sorgen und Nöten. Es geht mehr um Lebenshilfe und eine andere Spiritualität als sie die Kirche bisher gewohnt ist.”  Und genau diese Fähigkeit, ein Berater in wichtigen Lebensfragen zu sein, trauen die Jugendlichen der Kirche nicht mehr zu.

Eine etwas andere Form des Gottesdienstes findet man im kleinen Dorf Taizé im französischen Burgund. Dort steht ein Kloster, und zwar ein sehr außergewöhnliches. Jeden Sonntag fahren Busse an, gefüllt mit mehreren hundert Jugendlichen die freiwillig drei mal am Tag in den Gottesdienst gehen.. Es gibt eine riesige Kirche, die sich durch Rollläden beliebig abtrennen lässt. Nirgendwo stehen gewöhnliche alte und unbequeme Kirchenbänke, man sitzt einfach auf den Boden. Im Gottesdienst wartet man vergeblich auf eine langweilige Predigt, bei der so mancher einschläft. Stattdessen wird viel gesungen. Einfache Lieder in allen möglichen Sprachen, die oft nur aus ein bis zwei Zeilen bestehen, aber dafür mehrmals wiederholt werden. Und plötzlich ist es still. Keine der mehreren Hundert Personen sagt ein Wort, nur ab und zu ein verhaltenes Husten.

Die Gemeinschaft in Taizé wurde 1940 von Frère Roger, einem Schweizer gegründet. Damals suchte er Ruhe in dem kleinen Dorf, in dem heute außer den Brüdern und den Jugendlichen kaum mehr jemand wohnt. Während dem zweiten Weltkrieg versteckte der Ordensbruder dann zusammen mit seiner Schwester Flüchtlinge, darunter auch Juden. Nach und nach kamen immer mehr junge Menschen zu Besuch in die ökumenische Ordensgemeinschaft. Heute leben dort ca. 100 Brüder aus vielen verschiedenen Ländern. Im Sommer und an Osten kommen bis zu 6000 Jugendliche um für je eine Woche in Taizé zu leben. Zwischen den Gottesdiensten essen sie, haben Gesprächsgruppen in denen über die Bibel, Gott und die Welt geredet wird, oder sie erledigen kleine Aufgaben, damit das Leben in so einer großen Gruppe funktioniert und nicht einer alles machen muss. Abends treffen sich alle am Oyak, einem großen Platz mit einem kleinen Kiosk, und dort wird schon auch mal richtig Stimmung gemacht. Es ist egal, ob jemand Spanisch, Englisch, Deutsch, Polnisch oder Russisch spricht, man hat einfach zusammen Spaß.

Verwunderlich ist jedoch, dass so viele Jugendliche nach Taizé kommen. Nicht alle sind gleicher Konfession; es gibt Katholiken, Protestanten, orthodoxe Christen und gelegentlich auch Nichtgläubige. Viele schätzen vor allem das Leben in der Gemeinschaft, doch wichtig ist auch der Glaube. Manche haben ihren persönlichen Glauben schon gefunden, andere suchen ihn noch und nutzen dafür die Stille und die meditativen Gesänge in der Kirche. Auch hierin findet sich wieder ein typisches Phänomen der heutigen Generation. Für viele ist es schwierig fest vorgeschriebene Glaubensinhalte, Riten und Traditionen der Kirche zu übernehmen. Stattdessen bastelt sich jeder seinen persönlichen Glauben und seine eigene Religion. Die Shell Jugendstudie zeigt, dass diese “Patchworkreligionen” vor allem in Westdeutschland vorkommen. Oft werden darin traditionelle Werte wie Liebe und Treue mit Hellseherei und Vorbestimmung des Schicksals vermischt.

11.03 Uhr, zurück in der Kirche. Der Pfarrer steht mit ausgebreiteten Händen hinter dem Altar. “Es segne euch der allmächtige Gott. Im Namen des Vater, und des Sohnes, und des heiligen Geistes”. “Amen” antworten die 40 Leute in der Kirche. Dann beginnt wieder die Orgel oben auf der Empore irgendein Stück zu spielen. Der Pfarrer und die Ministranten verlassen die Kirche. Eine Oma nach der anderen geht aus ihrer Bank, macht eine Kniebeuge im Mittelgang und geht dann auch hinaus.

Fünf Stunden später im Münstertal. Die 30 Jugendlichen stehen zusammen mit den fünf Teamern und den zwei Mädels aus der Küche im Kreis auf dem Hof. Es läuft ein Lied von den Wise Guys “Vielleicht war es die beste Zeit, die Zeit meines Lebens”,  singt die Kölner A-Cappella Band. Das denken einige der Jugendlichen auch. In der vergangenen Woche hatten sie viel Spaß. Einer nach dem anderen geht im Kreis herum und verabschiedet jeden mit einer Umarmung und so manch einer muss dabei eine Träne verdrücken. Die ersten Eltern fahren mit dem Auto an. So traurig die Situation auch ist, alle auf dem Hof wissen, dass sie sich auf dem zweiten und dritten Teil des Kurses wieder sehen werden. Und in der Zwischenzeit werden sie viele tolle Erlebnisse mit ihren Gruppen haben, denn  für sie ist Kirche, genauso wie für die Jugendlichen in Taizé, nicht nur was für Omas.

Judith St.