Der Weg des Erwachsenwerdens ist für viele Jugendliche ein Weg mit geschlossenen Toren, zu denen auch der Schlüssel fehlt. Ob dies an den Eltern liegt oder an den Jugendlichen selbst, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Ziel des Jugendwerkes Oberrimsingen ist es Jugendlichen eine gute, beziehungsweise neue Perspektive des Lebens zu öffnen. In unserer heutigen demokratischen Gesellschaft ist es wichtig sich Ziele zu setzen und seinen Weg eigenständig, sowie selbstbewusst zu gehen. Nicht allen Kindern werden die Tore dieses Weges  geöffnet. Oftmals ist es wie ein fehlender Schlüssel der Tore. Es gibt aber ein Gesetz, welches festlegt, dass jeder Jugendliche ein Recht hat nach diesem Schlüssel zu greifen. 1992 hat sich die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet, die in der UN-Kinderrechtscharta in 54 Artikeln festgehaltenen Kinderrechte anzuerkennen. Die Kinderrechte lassen sich in drei Kategorien aufteilen.

Ein Gesetzentwurf ist ein Schritt der Verbesserung, doch der entscheidende Punkt liegt eigentlich erst bei der Umsetzung. Ein Konzeptbeispiel dafür ist das Christopherus Jugendwerk Oberrimsingen. Es hilft Jugendlichen den Schlüssel für die Tore des Weges des eigenständigen, erwachsenen Lebens zu finden. Auch dem 15 Jährigen Johannes* konnte zumindest ansatzweise geholfen werden. Johannes war eigentlich ein ganz normaler Junge, sobald er jedoch Alkohol getrunken hatte konnte er mit der Situation nicht umgehen und viele Dinge nicht mehr einschätzen. Da Johannes oft und gerne getrunken hat, wurde dies zu einem großen Problem. Seine Mutter starb als er 14 Jahre alt war, zu seinem griechischen Vater (wohnhaft in Mannheim) hatte er alles andere als ein gutes Verhältnis und somit lebte Johannes bei seiner Großmutter.
Schlägereien gehörten schon fast zu Johannes‘ Alltag. Eines Tages jedoch klaute er auch noch und wurde dann in U-Haft genommen. Es ging nicht lange da entschloss sich der Jugendgerichtshelfer dazu, Johannes die Möglichkeit einen geregelten Alltag mit Hilfe des Jugendwerkes Oberrimsingen zu gewinnen. Was hätte man anders erwarten können? Johannes lehnte die Hilfe, nach einem Gespräch mit dem im Jugendwerk arbeitenden Pädagogen Herr Meier, ab. Herr Meier jedoch lies nicht locker und vereinbarte einen weiteren Termin mit Johannes, seinem Jugendgerichtshelfer und Johannes‘ Vater.  Glücklicherweise entschloss sich Johannes dann doch endlich dazu, die Hilfe anzunehmen, nutze die Chance und wurde so Mitglied des Heimes. Das geschah im März 2008.

„Jeder Mensch ist einzigartig“ und „Die Leibe Gottes manifestiert sich nach dem Handeln und der Botschaft Jesu primär in der Solidarität mit den Bedürftigen“ sind die zwei Zitate des christlichen Glaubens Grundaussagen für ihre Arbeit. Das Heim sieht jeden Jugendlichen als Individuum und erarbeitet deshalb für jeden Einzelnen ein spezifisches, differenziertes und ganzheitliches pädagogisches Hifeangebot. In diesem Hilfeangebot steckt eine Reihe verschiedener Angebote: Die Fähigkeit zur Übernahme von Selbstverantwortung fördern, das Selbsthilfepotential der Jugendlichen wecken, den Jugendlichen am Hilfeprozess beteiligen, eine handelnde Pädagogik einsetzen, variable Schul- und Ausbildungsangebote gestalten, Individuelle Wohnformen anbieten, Projektbezogenes Lernen vermitteln, Zielgerichtetes, ganzheitliches Arbeiten. All diese Angebote verlangen eine große Anforderung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Jugendwerkes, sowie der Jugendlichen. Der erste Schritt der Arbeit ist nämlich eine gemeinsame Überlegung des Jugendlichen und dessen Pädagogen was sie gemeinsam erreichen wollen und was für Ziele sie sich setzen. Sehr wichtig ist hierbei, dass die Ziele kontrolliert werden.
Auch Johannes nahm sich viel vor. „Ich werde mein Leben neu beginnen. Ich will mir Ziele setzen. Als größtes Ziel werde ich mir meinen Schulabschluss setzen“, erzählte er seinem Pädagogen mit voller Überzeugung, während sie seine Zukunft planten.
Der Schlüssel des Weges wird nun dem Jugendlichen übergeben, denn von nun an stehen ihm Möglichkeiten sich im Bildungs- sowie im sozialen Leben weiter zu entwickeln und sich zu engagieren offen. Partizipation soll auf diesem Wege groß geschrieben werden. Schon in den verschiedenen Wohngruppen, in denen die Jungs im Heim leben, engagieren sie sich kräftig. Es gibt drei interne Gruppen, bis zu je neun Jugendlichen, und zwei externe Gruppen in Freiburg und Breisach, mit je fünf Jugendlichen. In den externen Gruppen haben die Jugendlichen mehr Freiheit, jedoch auch mehr Eigenverantwortung. In den internen Gruppen gibt es einen Gruppensprecher, der dafür verantwortlich ist das Gruppengespräch zu leiten und Vorbild zu sein. Als höchste Stufe der Verselbstständigung bietet das Christopherus Jugendwerk neben den internen und externen Gruppen auch das betreute Jugendwohnen an. Die Jugendlichen haben dann ihre eigene Wohnung und werden stundenweise betreut.
Schon nach einigen Tagen stellte sich heruas, dass Johannes seinen Zielen nicht nachgehen konnte.
Es kam wie es kommen musste. Johannes rastete aus. Der Grund dafür war eine Dose Chips und ein Fernsehsessel. Sein Freund und er schauten gemeinsam ihre Lieblingssendung „Das Jugendgericht“ im Fernsehen. Der 15 jährige war in die Küche gegangen um sich eine Dose Chips zu holen, als sich ein Mitbewohner des Hauses auf „seinen“ Sessel platzierte. Johannes wurde aggressiv. Er schlug die Fernbedienung gegen die Wand, warf mit sämtliche Gegenständen um sich und griff dann auch noch nach dem Fernseher, denn er mit aller Gewalt gegen die Wand pfefferte. Der Fernseher zerbrach in 1000 Einzelteile. Der verantwortliche Pädagoge hörte den lauten Knall, rann ins Zimmer und traute seinen Augen nicht. Vor ein paar Tagen noch, überzeugte Johannes ihn mit seinen Zielen. Es musste Maßnahmen ergriffen werden, nachdem er dann auch noch die Pädagogen mit Wörtern wie „Bitch“, „Du dumme Schlampe, ich lass mir von dir nichts sagen“ oder „Das ist alles scheiße was du labberst“, beschimpfte. Johannes bekam eine Auszeit und musste zurück in seine Heimatstadt. Zumindest für eine Woche.  „Ich will zurück ins Jugendwerk und meiner Zukunft eine weitere Chance geben“, dieser Satz kam nach einer Woche Zwangsurlaub aus dem Munde des 15 jährigen Johannes. Gesagt und getan. Er ging zurück. Johannes durfte jedoch nicht zurück ins Haus Don Bosco, sondern musste seinen Neustart im Haus Markus, welches aber nicht schlechter ist, versuchen. Er zeigte eine Verbesserung, indem er sich zum Gruppensprecher wählen ließ. Dieses Amt erfordert Sozialkompetenz, Planungsvermögen sowie verständnisvolles Umgehen mit Mitbewohnern, Problemfällen und Pädagogen.
Für das Christopherus Jugendwerk ist es wichtig, dass die Jugendlichen sozial und verantwortungsvoll miteinander umgehen und aus diesem Grund wurde das

SoLig-Konzept entwickelt, das bedeutet soziales Lernen in Gruppen.

Neben dem Amt des Gruppensprechers gibt es noch drei weitere Ämter. Der Manager für Hauswirtschaft und Atmosphäre gestaltet mit seinem Coach die Räume, hat einen Blick für Ordnung und Sauberkeit der Gruppe und kontrolliert zudem was erneuert und/oder verschönert werden muss. Der Finanzmanager hat den Überblick über die Gruppenkasse. Er sollte wissen ob bestimmte Unternehmen oder Anschaffungen finanziell möglich sind. Der dritte Manager ist verantwortlich für Kochen und Versorgung, sowie Essensplanung und Einkauf. Auch die gesunde und ausgeglichene Ernährung sollte dem Manager am Herzen liegen. Durch diese verschiedenen Ämter verändert sich die Rolle des Jugendlichen deutlich. Er wird vom „passiv Betreuten“ zum „aktive Lernenden“. In unserer demokratischen Gesellschaft ist der Erwerb von Kernkompetenzen, wie zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, was durch die Mangerämter stark gefördert wird, sehr wichtig.
Johannes versuchte auch einen Neustart in der Schule. Er entschloss sich dazu, seinen Hauptschulabschluss zu bekommen.
Das Christopherus Jugendwerk bietet drei Bildungsgänge an: Hauptschule, Forderschule und das Berufs-Vorbereitungs-Jahr (BVJ). Durch die kleinen Klassen, maximal 10 Schüler, entsteht ein angenehmes Lernklima und die Schüler können ihre Fragen gezielt stellen, oftmals gestalten sogar zwei Lehrkräfte den Unterricht. Im Rahmen des Beruf-Vorbereitungs-Jahr lernen die Jugendlichen verschiedene Ausbildungsstätte kennen. Sehr erstaunlich ist die Vielfalt an Ausbildung, die das Jugendwerk zur Verfügung stellt. Im Berufs-Ausbildungs-Zentrum werden sieben Lehrbereiche, Schreinerei, Zimmerei, Schlosserei, Malerei, Fahrradwerkstatt, Küche und Hauswirtschaft,  angeboten und zählt somit zu den größten Ausbildungsbetriebe in der Region. Für diejenigen die, die erwartete Leistung nicht anbringen können werden Theorie geminderte Ausbildungen zum Fachwerker an. Auch an diesem Punkt wird wieder klar, wie sehr das Jugendwerk darauf schaut, dass wirklich allen Jungs die Möglichkeit in das Berufsleben einzusteigen ermöglicht wird.
Die Schule meisterte beim seinem Zweitversuch besser. Er erledigte seine Hausaufgaben und die Fehlzeiten gingen drastisch zurück.
Nichtsdestotrotz rastete Johannes ein weiteres mal aus. Bei einem Ausflug zum jüdischen Museum in Berlin war Johannes langweilig geworden. Er fand das Museum einfach nicht interessant. Kein Grund zum verrückt werden? Für Johannes schon. Er fing an sich mit einem ihm unbekannten Mann zu schlägern. Die Situation eskalierte. Der begleitende Pädagoge war macht los. Er konnte Johannes Aggressivität nicht stoppen. Die Schlägerei ging jedoch nach einigen Schlägen schon wieder zu Ende. Johannes rannte anschließend wie vom Blitz getroffen wild durch das Musem. Auch hier konnte der Pädagoge nichts tun, denn Johannes war viel zu schnell. Die Menschen drum herum schauten nur zu und beobachten die gesamte Situation. „Ich will nach Hause. Hier ist es scheiße. Alles ist scheiße. Ich werde alles abbrechen“, schrie er durch das Museum. Erst als ein Security Man und der Pädagoge zusammen hinter Johannes her rannten, gelang es ihnen den wild gewordenen 15 jährigen Jungen zu beruhigen. Glücklicherweise passierte dies am letzten Tag des Aufenthalts in Berlin. Kurz nach dem die Gruppe wieder ins Jugendwerk einkehrte konnte Johannes sein Handy nicht mehr finden. Er beschimpfte seinen Mitbewohner und wurde auch hier wieder aggressiv. Die Pädagogen sahen keine Zukunft für Johannes im Jugendwerk Oberrimsingen. Johannes musste gehen. Zurück ins Gefängnis. Er hatte seine Chance verpasst. Ganz aufgegeben hatten die Lehrer von Johannes jedoch nicht. Sie gaben ihm die Chance wenigstens seinen Schulabschluss zu machen, denn all dies Geschah ein Monat vor der Abschlussprüfung. Er war also zur Hauptschulabschlussprüfung zugelassen. Ob man es glaubt oder nicht. Der 15 jährige nahm auch diese Chance nicht wahr. Er kam nicht zur Prüfung.
Das alles passierte im Jahr 2008. Johannes lebt auch heute noch in Gefangenschaft.