Eine unabhängige Jugendfilmgruppe will sich im Filmgeschäft behaupten

Ein ganz normaler Schultag. Ein Junge kommt mit seinem Rad, der Gong schlägt, er hetzt die Gänge entlang – alles scheint normal, doch als er das unbeaufsichtigte Klassenzimmer betritt, wird er heftig beschimpft und mit Papierfetzen beworfen. Die Lehrerin kommt herein und versucht, die Klasse zu beruhigen, sie wendet sich dem Jungen zu und fragt ihn, weshalb er zu spät gekommen sei. Die Reaktion: ein Selbstmordversuch durch einen Sprung aus dem Fenster.
Was aussieht wie Schulalltag in Berlin-Kreuzberg ist die Anfangsszene von „The next door left…“, der erste vollendete Spielfilm von Blackwood-Films. Innerhalb von fünf Tagen drehte die junge Filmer-Gruppe diesen bemerkenswerten Film über die Ausgrenzung eines Mitschülers aus einer Jugendgruppe und die Auswirkungen dieser Isolation auf den Betreffenden.
Blackwood-Films entstand 2005, als der damals 13-jährige Till Gombert sich aus reinem Interesse am Filmemachen mit drei Freunden an einer Romanverfilmung von „Merlin – Wie alles begann“ versuchte, laut Gombert der erste „richtige“ Roman, den er gelesen hatte.. Das Projekt verlief sich im Sand, nicht jedoch der Traum vom Filmemachen. Es folgten einige Kurzfilm-Projekte und 2006 bekamen die 5 Jungs den ersten Filmauftrag, eine Dokumentation über die damals aktuelle Problematik randalierender Jugendlicher am Paula-Modersohn-Platz und vor der Karoline-Kaspar-Schule in Freiburg-Vauban zu drehen; “Konflikte im Vauban”.
Zwar behauptet Till, dass Blackwood-Films kein Genre vorgibt, die Filme beschäftigen sich jedoch größtenteils mit gesellschaftskritischen Themen auf den Spuren von Jim Jarmusch. Und das, obwohl die Filme nicht aus einer Feder sind, denn die Aufgaben bei einzelnen Projekten verteilen sich immer neu, jeder kann ein Drehbuch einreichen und Schauspieler innerhalb und außerhalb der Gruppe engagieren.
Mit “Konflikte im Vauban” war der Grundstein für ein erfolgreiches Label geschaffen – Blackwood-Films wurde durch Kontakte zu einem Freiburger Geheimtipp puncto Filme. Mit dem zunehmenden Erfolg wuchs auch die Gruppe – auch Mädchen kamen auf Anfrage hinzu. Die Gründungsmitglieder warben ihre Freunde und der rapide Zuwachs an Mitfilmern brachte mehr Ideen, Innovation und Einsatz und führte dadurch zu größeren und beeindruckenderen Projekten. „The next door left…“ ist nicht nur der erste Handlungsfilm, sondern auch das erste Projekte dessen, was wir heute unter „Blackwood- Films“ zusammenfassen: eine Gruppe junger Filmemacher.
Aus dem kleinen Freundeskreis hat sich nun ein kleiner Verein mit Struktur und regelmäßigen Treffen entwickelt.
Auf diesen Treffen im Gemeindehaus “Genova” im Vauban werden unter anderem Organisation und neue Projekte besprochen, vor allem aber eins: Wie soll die Unabhängigkeit des Vereins gewahrt werden? Die Unabhängigkeit ist der große Stolz der Filmergruppe. Eine Gruppe von jungen Menschen im Alter von 15-21 Jahren, die sich ohne Hilfe von Erwachsenen organisiert und -vor allem- ohne Einfluss anderer auf ihre Projekte. Funktioniert hat es und tut es immer noch, denn Blackwood-Films ist mehr als nur eine Zweckgemeinschaft, die gegenseitige Freundschaft und die gemeinsame Liebe zum Filmen gepaart mit Kreativität ergibt eine wunderbare Energie, die in den Filmen und in den Treffen zu spüren ist. Trotzdem mangelt es an finanzieller Unterstützung – die Vereinskasse, liebevoll „Simon“ genannt, leidet an Untergewicht.
Bisher hat die Filmergruppe ihre Projekte immer durch Spenden finanziert, doch das reicht nicht mehr aus. Steuervergünstigung und Förderung durch Fördervereine könnten durch eine Eintragung als Verein beim Amtsgericht erhalten werden. Die Diskussion, ob das die Unabhängigkeit zerstören würde, ist hochaktuell – sobald sieben Mitglieder 18 Jahre alt sind, erfüllen sie die erforderlichen Bedingungen für eine Eintragung. Ob man das tun sollte, darüber sind die Meinungen gespalten. Ob eine Entscheidung in naher Zukunft gefällt wird, bleibt abzuwarten. Die Hoffnung auf notwendige Einnahmen besteht in der Teilnahme an Jugendfilmwettbewerben, die Förderpreise ausschreiben. Bei denen hatten sie bisher jedoch keine Erfolge, und mit „The next door left…“ können sie hieran nicht einmal teilnehmen, weil der Soundtrack des Films nicht GEMA-frei ist. An GEMA-Kosten hätten sie gar nicht gedacht, meint Till. „Wir wollten einfach einen guten Film machen“. Der Preis der Unabhängigkeit ist manchmal hoch.
Einschränkungen kommen also von allen Seiten, doch das zerstört nicht den Spaß am Filmedrehen. Die einschlägige Meinung der Mitglieder ist, dass die Drehs am meisten Spaß machen – die Treffen seien eher weniger toll. Viele begreifen die Zusammenkunft bei Drehs und regelmäßigen Treffen als „ziemlich coole Chance“. „Es bietet uns einfach die Möglichkeit, zu machen, was wir wollen, wenn wir Ideen haben, können wir sie umsetzen und wenn das so weiterläuft, dann kennt man uns bald in Freiburg“, meint Ruben Degendorfer, der 17-jährige Schauspieler. Das ist nicht unwahrscheinlich, denn die meisten Mitglieder setzen sich aktiv für ihre jeweiligen Aufgaben ein und sie ergreifen jede Möglichkeit, das Team bekannter zu machen: Beim Videotanzprojekt “Faber’s Game”, eine Ko-Produktion mit dem Freiburger Kubus³ und TheaterPro, hatten alle Besucher des Theaterstücks “Homo Faber” am Ende des Abends einen “Blackwood-Films”-Flyer in der Hand.
Ungeachtet aller finanziellen und rechtlichen Probleme scheint die Gruppe also auf dem Vormarsch zu sein, eine Entwicklung, die sich die Mitglieder vor 5 Jahren nie hätten vorstellen können und gerade deshalb eine wichtige Lernerfahrung für jeden darstellt. Aus der Mitgliedschaft nimmt jeder etwas für sich mit; Spaß an gemeinsamen Erlebnissen mit Freunden, Selbstvertrauen oder auch wichtige Erfahrungen für die zukünftige Berufslaufbahn: nicht nur Till Gombert will später ins Filmgeschäft einsteigen. Die Popularität hilft dem Label Blackwood-Films auf die Sprünge. „Wer weiß, vielleicht landen wir irgendwann in Hollywood“, behauptet Till im Scherz.
Der Name „Blackwood-Films“ ist übrigens nicht, wie man annehmen könnte, von „Hollywood“ abgeleitet, sondern beruht auf mangelnden Englischkenntnissen und der Überzeugung, „Schwarzwald“ hieße auf Englisch „Blackwood“. So lächerlich wie es sich anhört ist es gar nicht – im englischsprachigen Ausland heißt der Schwarzwald tatsächlich „Blackwood Forest“. Die meisten der Jungfilmer bevorzugen jedoch die Erklärung, „Blackwood“ hieße übersetzt „Ebenholz“ – das einzige Holz, das nicht auf der Wasseroberfläche schwimmt, sondern untergeht. Eine selbstironische Anspielung?

Noch aber schwimmt Blackwood-Films obenauf. Vielleicht auch, weil Till trotz aller Demokratie das „Leittier“ bei den Drehs ist, oder aber „der Hauptindianer mit mehreren Miniindianern“. “Man muss klar differenzieren zwischen den Treffen und den eigentlichen Drehterminen”, so Gombert. Seinem Organisationstalent, seiner Motivation und seinem Ideenreichtum verdankt Blackwood-Films viele Schritte nach vorn. Eine Meinung, die alle Mitglieder unangefochten lassen – vielleicht auch, weil keiner Lust hat, Till die komplizierten Aufgaben abzunehmen, die außerhalb von Drehs anstehen. Dieser Verantwortung ist sich Till durchaus bewusst. Falls Blackwood-Films nicht “in Hollywood landen” sollten, sieht er das Ende des Vereins gegen 2012 kommen. Dann steht nämlich sein Film-Studium an. Die besten Voraussetzungen hat er bereits – als Einziger der Truppe darf er sein Praktikum beim NDR absolvieren.

Er hoffe natürlich, dass die anderen Mitglieder Blackwood-Films erhalten werden, aber große Hoffnungen setzt er nicht hinein. Wenn Till Gombert Blackwood-Films verlässt… was machen dann die Indianer ohne Häuptling? Perfekt sei Blackwood-Films in Zukunft für gute Kontakte in der Filmbranche. Und als Börse für Talente würde Till die Gemeinschaft gerne noch bestehen lassen, in der Interessen und Talente ausgetauscht werden – und der Anteil von beiden ist enorm. Falls jemand ein Drehbuch hat und Schauspieler oder Kameraleute bräuchte: Die einzelnen Mitglieder sind in der Hinsicht nicht spezialisiert und für jede Aufgabe offen, wenn es auch nur bedeutet “einmal durch’s Bild zu laufen”. Und regelmäßige Treffen seien sowieso in weiser Voraussicht geplant. „Es ist schon ausgemacht, dass wir uns mindestens alle zwei Jahre treffen.“
Schade wäre es um das, was sich die Gemeinschaft jetzt bereits aufgebaut hat, sollte das Ende so plötzlich kommen. Sentimental wird trotzdem niemand. Für die Filmer zählt nur das hier und jetzt, das nächste Projekt – bzw. das eigene Drehbuch, an dem man mit Begeisterung arbeitet, um es der Gruppe als fertiges Skript austeilen zu können, sich die Schauspieler auszusuchen und Regie zu führen. Und es zählt der Zusammenhalt, nicht nur als Verein, sondern auch als Freunde, denn das ist die Grundlage auf der sich eine jugendliche Gemeinschaft aufbaut.
Und falls das Ende 2012 dann doch kommen sollte, dann sei das auch nicht so schlimm, meint Till. „2012 geht eh’ die Welt unter.“

Infokasten: GEMA
Die Abkürzung GEMA bedeutet “Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte”. Sie vertritt in Deutschland die Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte von Komponisten, Textdichtern und Verlegern von Musikwerken. Für die öffentliche Aufführung von urheberrechtlich geschützten musikalischen Werken von Künstlern, die Mitglied der GEMA sind, müssen Lizenzvergütungen an die GEMA abgeführt werden. Nach einem komplexen System werden diese Vergütungen dem Künstler ausgeschüttet. Auf ihrer Website bietet die GEMA Zugang zu ihrer Werke-Datenbank. Weitere Infos unter www.gema.de
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