Denn jetzt gibt es Hippolini, ein Reitkonzept, bei dem Kinder spielerisch den Umgang mit Pferden lernen.

Von Sarah Faller

“Mama, ich will reiten”, sagen manche Kinder, kaum dass sie auf den eigenen zwei Beinen stehen können. Vor allem auf  Mädchen üben Pferde eine magische Anziehung aus. Doch viele Eltern wissen dann nicht, wie sie mit dem Wunsch der Kinder umgehen sollen. Reiten, so jung? Ist das nicht gefährlich?

Dabei  schult  gerade das Reiten Körperbewusstsein und Feinfühligkeit. Wer schon einmal auf einem Pferd gesessen ist, dem wurde schnell bewusst , dass man mit Kraft gar nicht weit kommt.

Gerade in unserer heutigen Zeit, in der  Fernseher und Computer zum Alltagsgegenstand geworden sind,  ist es für Kinder eine gelungene Abwechslung auch einmal ein warmes, weiches Pferdemaul zu streicheln, auf matschigen Wiesen zu toben und den ländlichen Stallgeruch einzuatmen.

Die Rich River Ranch in Staufen bietet Kindern die Möglichkeit, spielerisch und mit jeder Menge Spaß die ersten Grundkenntnisse des Reitens zu lernen. Es wird mit einem besonderen Reitkonzept gearbeitet, das sich Hippolini nennt.

Seit acht Jahren leitet Nicole Reichenbach die Pferderanch bei Staufen. Auf fünf Hektar beherbergt sie 45 Pferde und Ponys, 13 davon gehören ihr selbst. Die meisten ihrer Reitschüler sind erst zwischen vier und zehn Jahre alt.

Beim Betreten des Reiterhofs wird man von Brigittchen begrüßt, einem zweijährigen Schäferhund Husky Mischling. Fröhlich kläffend empfängt sie die Besucher, die gerade auf den nebenliegenden Parkplatz gefahren sind. Abgesehen von den Ställen sieht man ringsum nichts als Weiden. Man spürt die Natur und dass auf der Ranch nur eines im Mittelpunkt steht: die Pferde. Hier werden neben Freizeit und Westernreiten nicht irgendwelche Reitstunden gegeben, sondern ganz besondere Stunden, die auf einem liebevollen und sicheren Umgang mit Tieren beruhen, dem Hippolini.

Dieses Konzept existiert seit 1996 und wird seit 2007 auf der Ranch angewendet. Die Teilnehmer arbeiten ins Zweierteams, der Eine lernt die achtsame und feinfühlige Zügelführung vom sicheren Boden, der Andere übt das Ausbalancieren im Sitz. Die Hippolini-Lehrmethode greift das Prinzip der Longe auf. Der Reitlehrer hat so die volle Kontrolle über das Pferd, da es an einer langen Leine gehalten wird. Somit kann der Reitanfänger sich erst einmal auf sich und auf die richtige Haltung auf dem Pferd konzentrieren .

Aufgestiegen wird auf einem Caballito, ein Caballito? Das ist natürlich nicht der Name des Reitrlehrers, sondern eine Art Podest,  die besonders Kindern den Aufstieg auf das Pferd vereinfachen soll und so unnötiger Stress für das Tier vermieden werden kann. Mit dem Ausruf: „Caballito wird frei“, wissen die Kinder wann das nächste Team auf das Pferd kann.  ” Durch den Caballito fällt es mir viel leichter auf das Pony zu kommen, sonst ist es immer so hoch und bis man da mal oben ist, hat man schon gar nicht mehr Lust zu reiten“, findet Julia, ein Mädchen aus der Reitgruppe.

Das Prinzip der Reitstunden beruhen auf der Reformpädagogik von Maria Montessori, einer italienischen Ärztin und Pädagogin, die spielerisch und ohne jeden autoritären Einfluss Kindern ein selbstständiges Lernen näher bringt.

Jeanette Wilke, eine Reitsportbetreuerin, griff dieses Prinzip auf und entwickelte das Hippolinikonzept. Den Kindern macht es sichtlich viel Spaß ohne jeglichen Druck und mit viel Zeit das Reiten zu erlernen.

Nicht nur das druckfreie Arbeiten, sondern auch das Gruppengefühl fördert das Sozialverhalten, die Freude am Lernen und die Kommunikation mit den anderen Reitschülern.

Eine Gruppe besteht aus 6-8 Teilnehmern und es wird mit 2 ausgebildeten und sehr geduldigen Ponys gearbeitet. Ponys werden daher eingesetzt, um den Kindern die Angst vor großen Tieren zu nehmen. Sie gewinnen viel schneller das Vertrauen zu Ponys als zu Reitpferden. Da Pferde und Ponys Herdentiere sind, wird mit mehr als einem Tier gearbeitet.

Auch ich hatte schnell mit einem Pony Freundschaft geschlossen und ehe ich mich versah hatte es meinen Jackenknopf abgefressen.

Auf meine Frage an Frau Reichenbach warum gerade sie dieses Konzept auf ihrem Reiterhof anbietet antwortete sie mir, dass Hippolini eine Grundlage des Reitens schafft, übermittelt, dass Pferde keine Gegenstände sind und dass ein angstfreier und einfühlsamer Umgang mit Tieren erlernt wird.

” Durch Hippolini lernen die Teilnehmer, die Angst gegenüber den Ponys zu verlieren und sich in die Tiere einzufühlen und zu merken, wann die eigenen Grenzen überschritten sind. Übrigens ist unsere Ranch seit 2007 Ausbildungsstall für Hippolinilehrkräfte in Süddeutschland”

Da dies viel Zeit und Geduld braucht, teilt sich dieses Konzept in drei Stufen ein:

dem Hippolini 1, bei dem man das Pferd kennenlernt und nur mit Halfter und ohne Sattel arbeitet.                                                                                                                                                                                                                                                                                            Bei Hippolini 2 soll das Führen des Pferdes erlernt werden und der Gurt kommt zum Einsatz.

Als dritte Stufe, dem Hippolini 3, beginnen die Teilnehmer mit reiten und arbeiten mit Sattel und Trense.

Nachdem die Teilnehmer alle Stufen durchlaufen haben, bietet sich ihnen die Möglichkeit Einzelunterricht zu nehmen, in Gruppen für Turniere zu trainieren oder in eine weiterführende Gruppe, die nicht mehr nach dem Hippolini-Konzept abläuft zu gehen.

„Ich bin bei Hippolini Mini“, erkärt mir voller Freude die kleine Aischa. Es gibt also nicht nur verschiedene Phasen, sondern auch eine Aufteilung der Altersgruppen, dem Hippolini Mini für Kinder ab 5 Jahren, dem Hippolini für Kinder von 6 bis 10 Jahren und der neuen Erweiterung, dem Hippolini Teenie ab 12 Jahren.                                                                                                                                                                                                                          Jede Reitstunde wird in ein bestimmtes Thema verpackt, damit die Kinder spielerisch die Haltung und den Umgang mit Tieren erlernen. So entstehen zum Beispiel Themenbereiche wie Burgreiten, Prinzessinenreiten oder Unterwasserreiten. Diese Themen ziehen sich durch die Reitstunden und werden mit dem Kindern zusammen erarbeitet. Am Ende ist eine Geschichte entstanden, die dann als kleines Theaterstück stolz den Eltern vorgeführt wird.

Da der Unterricht dezentral abläuft, werden die Teilnehmer nicht eingeteilt und können so entscheiden welches Pony sie möchten, ob sie Hilfe brauchen, in welcher Reihenfolge geritten wird und wann sie sich wie viel zutrauen. Der Reitlehrer steht lediglich zur Hilfe und zur Unterstützung zur Verfügung. Die Teilnehmer sollen versuchen im Team die Situationen und Aufgaben zu bewältigen und den Reitlehrer als Stütze sehen. Diese Methode gibt den Reitschülern Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit.                                                                                                                                                                                                                  “Ich reite am liebsten mit meiner besten Freundin zusammen, zu zweit macht es viel mehr Spaß als allein und bis jetzt haben wir sogar fast alles  alleine geschafft ohne unsere Reitlehrerin zu fragen”, erzählt die achtjährige Lea stolz.

Jeder Teilnehmer erhält eine Gerte und einen Hippolini-Strick zum führen des Pferdes. Die Gerte wird nur als Zeigeinstrument genutzt und soll den Umgang vereinfachen. Soll das Pferd geradeaus gehen, wird die Gerte gerade gehalten; soll das Pferd stehen, zeigt die Gerte nach unten; um das Pferd nach rechts oder links zu lenken, wird in die jeweilige Richtung gezeigt.                                 Der Hippolini-Strick wird gehalten wie eine Blume ( nach oben geöffnet) und an den Halfter des Pferdes gebunden. Da Reitanfänger meist etwas brauchen um sich festzuhalten, sollten sie nicht die Zügel benutzen, weil diese mit dem sensiblen Pferdemaul verbunden sind. Der Strick ist ungefährlich für das Pferd und gibt den Teilnehmern Halt, damit sie eine Verbindung zum Tier schaffen können.

Trotz der Entscheidungsfreiheit gibt es einen geregelten Ablauf: Zuerst wird das Pony gestriegelt, dann wird mit einem bestimmten Thema gearbeitet, danach werden die Ponys gefüttert und weggeführt. Doch in jeder Phase des Ablaufs kann frei entschieden werden und es gibt kein Muss. Manche Teilnehmer trauen sich erst nach der fünften oder sechsten Stunde an das Pferd. Davor wird ihnen genug Zeit gelassen, sich mit den Tieren vertraut zu machen und die Situation von außen zu beobachten.

Bei meinem Besuch treffe ich ein junges Mädchen, dass sich erst nach der fünften Reitstunde überhaupt in die Nähe eines Ponys getraut hat.

Durch Hippolini wurde ein neues Konzept geschaffen, dass sich nicht nur auf den Umgang mit Pferden begrenzen lässt, sondern auch eine Vertrauensbasis zu anderen Tieren schafft. Durch den regelmäßigen Besuch der Reitstunden lernen Kinder außerdem Verantwortung zu übernehmen und zuverlässig zu sein. Dadurch wird die richtige Haltung und Pflege von Katze, Hase oder anderen Haustieren zur Normalität. Vielleicht verstehen Kinder dann besser, warum man den lästigen Hamsterkäfig sauber machen und der Hund mindestens dreimal am Tag raus muss.

Nach einem langen anstrengendem Tag, matschigen Stiefeln und einem gefressenem Jackenknopf neigt sich der Tag auf der Rich River Ranch dem Ende zu. Die Mühe, der Matsch und der Knopf haben sich gelohnt und mich um die Erfahrung reicher gemacht, dass Hippolini zwar “nur” ein Reitkonzept ist, man aber durch die Teilnahme daran einen Beitrag dazu leisten kann, dass nicht mehr so viele Haustiere wegen Desinteresse und mangelnder Versorgung ins Tierheim abgeschoben werden.

Infos zu Hippolini:

Das HIPPOLINI-Konzept wurde 1995 von der Pädagogin und Reitsport-Betreuerin Jeannette Wilke entwickelt und entstand in langjähriger Praxis mit mehr als 250 Kindern (im Reitverein, an staatl. Schulen und an reformpädagogischen Schulen in freier Trägerschaft). Seit 2004 gibt die Pädagogin erfolgreich ihr Konzept in Seminaren an Reitlehrerinnen weiter. 2007 hat sich aus diesem Kreis der HIPPOLINI − Verband e.V. gegründet, dessen Mitglieder auch außerhalb der bundesdeutschen Landesgrenzen aktiv sind. Hippolini leitet sich von dem wissenschaftlichen Namen der Pferdekunde ab, der Hippologie.Im griechischen bedeutet “hippos” Pferd.