Ein Tag ohne Medien: leben wie im Mittelalter

ein Selbstversuch von Leonie Kröhnke

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Beepbeepbeep… ertönt das monotone Piepsen meines Weckers, das mich abrupt aus meinen Träumen reißt. Verwirrt taste ich nach dem Übeltäter. Seit wann habe ich eigentlich einen so grauenhaften Weckton, frage ich mich verschlafen, die Hand schon auf der Fernbedienung liegen, um das Radio einzuschalten. Bis mich die Erkenntnis wie einen Blitz durchzuckt. Na klar, heute ist kein Dienstag wie jeder andere in diesen Ferien, nein, heute wollte ich einen Tag ohne Medien verbringen. Das heißt, ich weder versuchen müssen einen ganzen Tag lang auf all die schönen Dinge wie Internet, Radio, Fernsehen, Zeitung verzichten müssen. Deshalb hatte ich vorausschauend schon mal meinen Radiowecker durch den digitalen ersetzt. Seufzend nehme ich meine Hand wieder runter, schalte stattdessen das Licht an und quäle mich aus dem Bett.

Seltsam, wie still es ohne morgendliches Hintergrundgeräusch ist. Es ist so ruhig, dass ich mich beim Anziehen oft dabei ertappe, wie meine Lieder schwer (oder besser gesagt noch schwerer) werden und ich fast wieder einnicke. Beim Frühstück fehlt mir die alltägliche Zeitung. Ich fühle mich jetzt schon von der Welt abgeschottet und stochere ungewohnt konzentriert in meinem Müsli. Dafür habe ich aber heute mal ein längeres Gespräch mit meiner Mutter und bin schon so früh am Morgen über den neusten Verwandtenklatsch und Tratsch informiert. Erstaunlich wie abgelenkt man sonst von seiner Umwelt ist. Und das nur wegen der Medien?

Als ich bei meinem Ferienjob stehe, kann ich auch hier kein Radio anmachen. Bei der eintönigen Arbeit allerdings, stört mich das schon etwas. Nach kurzer Zeit bereits fange ich an, die Stunden und Minuten zu zählen, bis ich wieder nach Hause darf. Aktuell: 7 Stunden bis zum Verlassen des Arbeitsplatzes. Ich denke über dies und das nach und langweile mich zu Tode. Aber ich habe es ja gewollt und außerdem war ich gewarnt. Bei einer Umfrage, die ich zuvor durchgeführt hatte, haben fast alle Befragten angegeben, sich ein Leben ohne Medien nicht vorstellen zu können. Was in den Köpfen der Wenigen vor sich ging, die zuversichtlich in ein medienloses Leben blicken würden, weiß ich bis jetzt noch nicht.

Nach einer Weile höre ich aus dem Nebenraum Musik und dann die muntere Stimme eines Moderators. Ist mein Versuch jetzt schon gescheitert, frage ich mich entsetzt. Das darf nicht sein, denn sonst würde das ja bedeuten, dass ich erneut ganz von vorne anfangen müsste. Entschlossen versuche ich die Geräusche zu ignorieren, was mir mehr oder weniger gut gelingt. Irgendwann vernehme ich ein tiefes Brummen. Werde ich langsam verrückt? Aber so schnell kann das doch echt nicht gehen. Als ich schon anfange an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, kann ich das Brummen orten. Es kommt von dem Mann, der mir gegenüber arbeitet und dabei leise singt. Das habe ich vorher wirklich noch nie gemerkt. Einige Zeit später merke ich, wie ich, durch die tiefen Töne eingelullt, immer müder werde. Mein weiterer Arbeitstag verläuft ziemlich unspektakulär, jedoch verlasse ich das Gebäude später mit einer beachtlichen Menge an Informationen, die ich unfreiwillig aus den Gesprächen der anderen Mitarbeiter erhalten habe.

Als ich wenig später bei Zahnarzt sitze muss der einzig angenehme Teil wegfallen. Stattdessen darf ich den anderen Patienten beim Zeitschriften lesen zuschauen. Die Wartezeit erscheint mir heute noch länger als sonst. Kaum zu glauben, dass alle so gespannt in den Heftchen schmökern, wo doch die Zeitschriften nicht gerade zu den attraktivsten Medien gehören (zumindest laut meiner Befragung). Daran kann man sehen wie populär unsere Kommunikationsmittel im Allgemeinen sind. Denn wie gerne lassen wir uns erst von den Favoriten, also Fernsehen und vor allem dem Internet ablenken. Noch darüber grübelnd verlasse ich nach der Behandlung die Praxis wieder.

Sowohl an der Haltestelle, aul auch in der Straßenbahn selber bietet sich mir das gleiche Bild: Menschen mit Handys, Zeitungen, Büchern, … . Die einzigen, die keine Beschäftigung durch unsere Medien haben, scheinen mir die schwer beschäftigten Elternteile zu sein, die von Seiten ihrer kleinen Kinder schon genug Abwechslung bekommen. Selbst in den Cafés, an denen die Bahn vorbeifährt geht es mit den Kommunikationsmitteln weiter, sie werden hier sogar noch durch Laptops ergänzt. Wobei es doch eigentlich auch praktisch ist, so denke ich mir, dass man heute so einfach seine Arbeit und auch seine Liebsten überall hin mitnehmen kann.

Eine erstaunliche Entwicklung, ich glaube damit hätte keiner gerechnet, als 1610 die erste Wochenzeitung publiziert wurde. Von der Erfindung von Telegraphen über Telefone und Fernsehen und schließlich dem Internet, hat sich unsere Welt so auch dank ihnen grundlegend verändert. Ich merke, wie mir dieser Tag genau dies vor Augen führt. Zwar kann ich so besser meinen Kopf frei bekommen und meine gesamte Umwelt genauer wahrnehmen, was doch etwas sehr Gutes ist, aber ich glaube immer würde ich es so nicht aushalten. Klar, oft benutzt man die Medien ganz unbewusst, jedoch ist dies doch nicht immer ein Nachteil, so grüble ich, als ich in meinen Bus einsteige. Wenn man sich nur mal bewusst macht, was uns heute durch Kommunikationsmittel ermöglicht ist. Menschen auf der ganzen Welt sind so miteinander verbunden. Gäbe es sie nicht, säße doch jeder abgeschirmt in seiner eigenen kleinen Welt. Denn ohne Nachrichten, sowohl den öffentlichen, als auch unseren eigenen, ganz privaten, könnte eine gemeinsame Arbeit und somit auch Wirtschaft, Politik und vieles mehr nicht existieren. Wäre so etwas wie Bildung überhaupt möglich? Ohne Bücher und weltweiten Zugang zu Informationen… Hinzu käme, dass man bei Katastrophen ganz auf sich allein gestellt wäre. Keine globale Hilfe, nichts.

Vielleicht wäre ein Dasein ohne Medien für manche Länder zwar auch ein Vorteil, gerade wenn man an Ausbeutung durch reichere Länder und Unternehmen denkt, die dann vermutlich (zumindest in diesem Ausmaß) nicht so möglich wäre. Wäre da nicht auch noch dieser besondere, egoistische kleine Punkt in uns selbst. Wie langweilig würde unser Leben vermutlich ablaufen, ohne Abwechslung durch Internet, Printmedien und Co.

Genau dies wird mir gerade wieder deutlich, als ich durch das sanfte Rütteln und Schaukeln des Busses in den Schlaf gewiegt werde. Ohne ein Buch das ich während der Fahrt lesen könnte gibt es hier ja nicht viel zu tun. Es fahren außer mir kaum Leute mit. Niemand, mit dem ich mich unterhalten könnte. Ersetzen uns die Medien also teilweise auch unsere Mitmenschen? Vielleicht gehe ich damit aber auch schon zu weit. Fest steht jedenfalls, dass einem bei Medienentzug nicht etwa die Ursachen genommen werden, die einen “verdummen” lassen können, wie oft von Medien daher gesagt wird, nein, vielmehr kann die geistige Anregung etwas abhanden gehen. Wie eben bei mir und meinem Buch gerade.

Als ich endlich Zuhause ankomme würde ich wirklich gerne mal ins Internet, dem wohl das beliebteste Medium unserer Generation. Ohne Telefon und Internet ist der Kontakt zu Freunden echt schwierig. Daran mussten sich die Menschen früher noch nicht so stören. Schließlich lebte man zu den Zeiten, als moderne Kommunikation noch nicht möglich war meist viel dichter beieinander. Jetzt weiß ich auch warum, denke ich zynisch, während ich mir krampfhaft überlege, was ich jetzt tun kann, dass nichts mit Medien zu tun hat. Das ist wirklich nicht so einfach, so viel steht fest. Ich schnappe mir also meinen Hund und verlasse das Haus. Wahrscheinlich wundert dieser sich schon, weshalb er heute unverhofft so lange rauskommt, wie schon länger nicht mehr.

Beim Abendessen werde ich heute mitleidig gemustert als ich von meinem Tag berichte und meine Schwester erzählt mir, welchen Film sie sich gleich anschauen möchte. Großzügig lädt sie mich ein, ihr doch Gesellschaft zu leisten. Wie nett. Jedoch hat es nicht nur etwas Schlechtes, dass ich die einzige bin, die für heute den Medien abgeschworenhat. So lasse ich mich jetzt durch meine Familie über alles Aktuelle informieren. Das ist doch erlaubt, oder? Nach dem Essen überlege ich mir, ob ich schon ins Bett gehen soll, entschließe mich aber dann, mal wieder ein Bad zu nehmen. Das mache ich sonst eigentlich nie, da ich es sonst schon immer langweilig finde, aber vielleicht entdecke ich ja heute endlich mal, was alle daran so toll und entspannend finden. So liege ich also kurze Zeit später in der Wanne und versuche es mal so richtig zu genießen, nur Zeit für mich zu haben. Leider Fehlanzeige. Klar, es duftet und es ist angenehm warm, aber ansonsten jetzt nicht so spannend. Wobei es heute doch im Vergleich zur Alternative ein echtes Highlight darstellt. Außerdem hat es den Vorteil, dass es mich müder und müder macht, so dass ich mir vorkomme als hätte ich eine Schlaftablette genommen, als ich aus dem Wasser steige. Als ich mich dann kurz darauf in mein Bett lege, muss ich lächeln. Mir ist gerade eingefallen, dass ich wenn ich wieder aufwache, von meinem Radio geweckt werde. Alles wird so sein wie immer: Zeitung, Internet und alles andere werden wieder von mir benutzt werden können. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein.

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Was genau sind Medien?

Medien sind immer technisch, vernetzen unsere Gesellschaft und ermöglichen die Überlieferung von Botschaften. Man unterscheidet zwischen alten und neuen Medien.Zu den alten gehören Printmedien (also Zeitungen, Bücher,etc.), audio-visuelle-Medien(beispielsweise Fernsehen oder Film) und audio-technische Medien (unter anderem Fernsehen oder Film). Internet oder Satellitenfernsehen sind neue Medien.