Adipositas – Jedes fünfte Kind ist zu dick!

„Aufstehen Kai, es ist schon Zeit!“ Kai ist noch müde. Mühsam steigt er aus seinem Bett. Er zieht die Vorhänge zurück und geht zu seinem Kleiderschrank. Er denkt: „Nein, die Jeans ist viel zu eng. Am besten ziehe ich wieder die bequeme Stoffhose mit dem Gummizug an.“ Als nächstes zieht er sich ein T- Shirt über den Kopf. „ Mist, das ist bauchfrei. Habe ich denn schon wieder zugenommen?“ Deprimiert setzt er sich an den reich gedeckten Frühstückstisch. Es gibt viel Toast mit Marmelade und Nutella. Sein Schulbrot ist auch schon gerichtet, aber es befindet sich nichts Gesundes in der Dose. Kai ist traurig, eigentlich möchte er lieber ein Paar Pfunde verlieren, als noch mehr Kalorien zu sich zu nehmen. Doch es ist nicht zu schaffen, wenn seine Mutter immer ungesunde Lebensmittel einkauft. Mit leerem Magen und einem Kloß im Hals verlässt er den Tisch. Kai nimmt seine Schultasche und macht sich auf den Weg zur Schule. Er ist spät dran. Seine Klassenkameraden überholen ihn mit den Fahrrädern. „Platz da, Fetti!“ „Ja eben, aus dem Weg da!“ Gelächter.

Dass Kai lieber normalgewichtig wäre und zu ihnen gehören würde, wissen die beiden nicht. Kai leidet an Adipositas.
Adipositas ist ein Körperzustand bei dem sich zu viel Fettgewebe im Körper befindet und dieser Fettanteil im Verhältnis zum Muskelgewebe über das der Normalgewichtigen hinausgeht. Adipositas, besser bekannt als Fettleibigkeit, ist eine chronische Ess- und Gesundheitsstörung. Um diese Krankheit zu bekämpfen erfordert es einer langen Behandlung, sowie professioneller und ärztlicher Betreuung. Den BMI – Wert (engl.: Body- Mass- Index) kann man als Kontrollwert des Gewichtes beim Menschen anwenden und somit Übergewicht nachweisen. Kai wiegt 66 Kilogramm und ist 1,40 m groß. Nachdem BMI- Prinzip hat Kai einen Wert von 33,673 kg/m. Somit ist er als adipös einzustufen.

Eine der Hauptursachen von Fettleibigkeit ist die Einnahme kalorienreicher und fettiger Nahrung, in der zu wenig der wichtigen Nährstoffe, wie Vitamine und Mineralstoffe, enthalten sind. Auch zuckerhaltige Getränke sind Auslöser dieser Krankheit. Kais Vesper besteht meist aus Schokoriegeln, kalter Pizza vom Vorabend und siruphaltigen Getränken, wie z.B. Limonade.
Wie auch in Kais Familie werden in heutigen modernen Familien die Mahlzeiten immer weniger zusammen eingenommen. Oft arbeiten die Eltern den ganzen Tag über und Kinder und Jugendliche greifen unachtsam zu Fastfood, welches einen zu hohen Fett-, Salz- und Zuckergehalt hat. Und obendrein nicht ausreichend sättigt, obwohl es meist große Portionen sind. Direkt nach der Schule geht Kai am liebsten Burger essen oder zur Wurstbude um eine leckere Currywurst mit Pommes zu genießen. Ein einfaches Mittagessen ohne großen Aufwand. Daheim angekommen, greift Kai gleich zu den Gummibärchen: farbenfrohes Essen, das Kindern appetitlicher erscheint, jedoch meist nur aus Zucker, Geschmacksverstärker und Glutamat besteht, welches den Appetit nur noch stärker anregt.
Ein dominierender Faktor ist ebenso der Mangel an Bewegung. Dank Autos, Fahrstühlen, Rolltreppen etc. nimmt die Bequemlichkeit zu. Darüber hinaus spielen auch sitzende Tätigkeiten eine wichtige Rolle. Im Jugendalter wird viel „rumgesessen“: Kais Schulweg reicht für die tägliche Bewegung nicht aus. Nach der Schule setzt er sich für die Hausaufgaben an den Schreibtisch, danach eine Runde am Computer „hocken“ und den Rest des Abends verbringt Kai meist auf dem Sofa vor dem Fernsehen. Schulkinder sitzen sehr viel und haben zu wenig Bewegung.
Ein weiterer Aspekt sind psychische Belastungen. Viele Jugendliche leiden unter dem Leistungsdruck in der Schule und dem Mangel an Zuwendung der Eltern, was bei Kindern und jungen Erwachsenen dazu führt, Essen als Übersprungshandlung und „Wieder– Gut– Macher“ zu gebrauchen.

Kai ist nicht der Einzige in der Familie, der Probleme mit seinem Gewicht hat. Schon seine Mutter isst seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gerne, viel und fettig. Eine Neigung zur Fettsucht kann auch genetisch bedingt sein und ihren Teil zu Adipositas beitragen. Unter diesem Aspekt ist es natürlich viel schwieriger ein Normalgewicht zu erreichen.
Nicht zu vergessen sind die Nebenwirkungen starker Medikamente, wie z.B. Cortison, die das Risiko auf Fettleibigkeit erhöhen. Die Fettansammlung in den verschiedenen Zonen des Körpers verursacht natürlich eine zusätzliche Gewichtszunahme.

Übergewicht ist besonders gefährlich für Kinder und Jugendliche, da sie sich im Wachstum noch in ihrer Entwicklungs- und Aufbauphase befinden. Ihre Bewegungsapparate sind durch das hohe Gewicht stark belastet und darüber hinaus beeinträchtigt es die Reaktionsfähigkeit, was eine erhöhte Verletzungsgefahr hervorruft. Dass Sport nicht zu Kais Lieblingsbeschäftigung zählt, ist offensichtlich. Sobald er sich mit seinen Freunden auf dem Sportplatz trifft, geht ihm beim Einspielen schon die Puste aus. Im Fußball ist er am langsamsten und beim Basketball spielen schmerzen ihm nach einigen Minuten die Sprunggelenke. Sätze wie „Beweg doch mal deinen dicken Arsch!“ oder „Wir wollen den Fetten nicht ins Team…“ zermürben Kai und ihm ist oft zum Heulen zumute. Er fühlt sich wie ein Versager und Außenseiter. Bei Teambildungen, aber auch in normalen Alltagssituationen, hält sich Kai oft im Hintergrund und wirkt verängstigt. Ein gravierendes Problem bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas ist die Knochenwachstumsstörung. Durch das hohe Gewicht und die schlechte Ernährung ist die Durchschnittsgröße meist nicht zu erreichen.

An Adipositas erkrankte Kinder und Jugendliche haben es im Alltag nicht einfach. Doch nur der Wille zählt und jeder kann es schaffen, einen Schritt weiter zu gehen und seine Ernährung umzustellen. Auch Kai ist nicht zufrieden mit seiner Lebenslage und würde sie gerne ändern. Er ist kein Einzelfall: allein in Deutschland ist jedes 5. Kind übergewichtig und die Zahlen steigen. Dennoch ist es schwierig Erkrankte in Institutionen zur Bekämpfung von Adipositas unterzubringen, denn die Krankheit wird meist nicht als solche erkannt und leicht abgetan.

„GEMEINSAM SCHAFFEN WIR ES!!“

Es ist wichtig, die Krankheit so schnell wie möglich, am besten im Kindesalter, und auf gesundem Wege zu bekämpfen. Die Medizinische Universitätsklinik Freiburg hat eine professionelle Anlaufstelle: FITOC (Freiburg Intervention Trail For Obese Children), speziell für Kinder und Jugendliche entwickelt, um Adipositas vorzubeugen oder zu behandeln.
Annika Marschall sprach mit der Leiterin der Station, Frau Dr. Korsten- Reck, über das Alltagsleben eines übergewichtigen Kindes.

Was genau ist das FITOC?

FITOC ist ein Programm, bei dem Kinder von acht bis elf und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren ambulant behandelt werden.
Kann dort jedes Kind, dessen Eltern denken, es leidet an Adipositas, hingehen?

Nein, so einfach geht das nicht: Die Kinder werden von Kinderärzten, Schulärztliche Dienst, Kinderkliniken oder von Kinder- und Jugendpsychiatrien an uns weitergeleitet.

Ist jedes Kind einzeln betreut, oder werden die Kinder in Gruppen eingeteilt?

Bei uns ist jedes Kind ein Individuum. Dennoch Stufen wir die Kinder oder Jugendlichen je nach Erkrankung ein. Bei uns macht es die Mischung, wir arbeiten sowohl in Gruppen als auch einzeln mit den Patienten. Auch die Eltern werden in das Programm mit einbezogen. Oft wissen sie selbst nicht mit der Krankheit ihres Kindes umzugehen oder leiden selbst an Adipositas. Wir schulen die Eltern und Kinder gemeinsam, daher auch unser Motto: Gemeinsam schaffen wir es.

Wie lange dauert das FITOC- Programm und wie ist es aufgebaut?

Unser Team besteht aus einem Arzt, Sportlehrer, Psychologen und einem Ökotrophologen (Arbeiter in der Ess- und Nahrungsindustrie z.B. Markenqualität, Ernährungsberater)
Das Programm ist in zwei Phasen eingeteilt. Die erste Phase geht über acht Monate und wird Intensivphase genannt. Dreimal pro Woche finden Sportstunden in bestimmten Gruppen statt. Ebenso gibt es jeweils sieben Schullungen für die Eltern der Erkrankten und für die Kinder. Darüber hinaus bieten wir noch individuelle psychische und medizinische Unterstützung an.
Die Dauer der zweiten Phase, die Überwachungsphase, beträgt vier Monate oder mehr. In dieser Phase wird das Sportprogramm ein- bis zweimal die Woche angeboten. Weiterhin werden Gesprächstunden mit dem Patienten und den Eltern geführt. Anschließend werden halbjährige Kontrolluntersuchungen vorgenommen.

Was genau sind ihre Hauptziele mit diesem Projekt?
Eines unserer wichtigsten Ziele ist, dass wir die Kinder langfristig gesund entlassen können. Andere Aufgaben bestehen darin, den Kindern zu helfen, weil sie gehänselt, ausgeschlossen und ausgelacht werden. Außerdem wollen wir die Eltern integrieren und begleiten, weil ja schließlich die Gesundheit ihres Kindes ihnen am Wichtigsten ist. Unsere Richtlinien sind eigentlich, dass wir zusammen mit den Kindern eine Veränderung des Lebensstils aufbauen. Wir wollen Spaß an der Ernährung, bessere Körperwahrnehmung und aktive Bewegungen erreichen.

Können sie den Tagesablauf eines Patienten ihres Programms schildern?
Erst vor kurzem habe ich einen Patienten neu aufgenommen. Julius (Name geändert) ist neun Jahre alt. Er hat einen sehr hohen BMI- Wert und wir mussten so schnell wie möglich seine Ernährung umkrempeln. Er hatte keinerlei Interesse an Sport und Bewegung, aber Julius’ größtes Problem war sein psychischer und seelischer Druck. Zu oft wurde er in der Schule gehänselt und sein Selbstbewusstsein war sehr schwach. Für mich persönlich war es ein schlimmer Anblick. Julius ist aber kein außergewöhnlicher Fall, es gibt immer mehr Kinder, die das Gleiche durchmachen wie Julius. Nun, wenn er morgens aufwacht bekommt er Früchte, Vollkornbrot, Nüsse und Nahrung, die einem Energie für den Tag geben. Er besucht über die Behandlungszeit weiterhin ganz normal die Schule. Nach der Schule kann er sich etwas ausruhen und dann gibt es Mittagessen, dieses beinhaltet immer Gemüse, Kohlehydrate und wird fettarm zubereitet. Zu beachten ist auch die Regelmäßigkeit der Mahlzeiten. Darauf folgt ein Sportprogramm, wie zum Beispiel: Schwimmen, Radfahren, Fußball spielen etc. Wir wollen Julius, sowie allen anderen Patienten, die Freude am Sport näherbringen. Gegen Abend finden die Schulungen für Eltern und Kinder statt, bei über Ernährung und Gesundheit aufklärt wird. Während der Behandlungsphase machen wir den Eltern ausdrücklich klar, wie wichtig es ist, dass Kinder genügend schlaf haben.

Gibt es auch Kinder, die seelisch sehr krank sind?
Ja, auch die gibt es. Wie schon gesagt, Kinder, die an Adipositas leiden, haben es nicht einfach. Immer wieder fallen sie zurück und versuchen den Schmerz mit Essen zu heilen. Für solche Fälle haben wir noch mal extra Stunden mit dem Psychiater eingeleitet. Sie werden dort sehr gut betreut und stark gemacht.

Können Sie denn auch schon von Erfolgen in ihrer Arbeit sprechen?
Ja, natürlich: 118 Kinder von 238 sind langfristig geheilt. Wir haben jedoch festgestellt, dass wir das Programm geschlechtlich trennen müssen. Mädchen verlieren schneller die Lust am Sport, das hängt natürlich auch von der weiblichen Pubertät ab. Aber dennoch können wir von Erfolgen sprechen. Es macht uns glücklich zu sehen, wie schnell die Pfunde purzeln und die Kinder immer glücklicher werden.

BMI Box

diagramm

Annika Marschall