Die unglaubliche Geschichte von Kevin und wie ihm im Freiburger H&M plötzlich die Augen geöffnet wurden…

Von Alia Pervez

Ein schneller Song läuft im Radio und breitet sich aus den großen Lautsprechern in der  Halle aus. Typisch indische Musik. Die hohe Stimme klingt ein bisschen wie mit Helium behandelt, sie bahnt sich ihren Weg durch die dicke Luft und gelangt auf das Gehör von fünfzig Menschen verschiedenen Alters. Diese sitzen in einer streng geformten Reihe hochkonzentriert in der Hocke und weben. Der Aufseher dieser Weberei namens „Kapra“ in Bombay läuft durch die Reihe und achtet darauf, dass die Arbeit vorankommt. Wer pausiert wird umgehend gefeuert. Er ist richtig stolz , denn seine Textlilerzeugnisse gehen von hier aus auf Weltreise und werden bei ausländischen Firmen sehr geschätzt. Mit vielen Marktketten hat er sogar einen festen Vertrag. Verärgert beobachtet er seine Angestellten, da sie heute langsamer als sonst zu arbeiten scheinen. Er stellet das Radio deswegen kurz ab, es dient eigentlich dazu, dass sie schneller arbeiten. Er schreit sie an und ermahnt sie, ihr Tempo zu steigern. Die Anwesenden beginnen sofort damit, sich zu beeilen. Nur der Jüngste unter ihnen, der 13-Jährige Karan, reagiert nicht und starrt in die Luft. Als sein Sitznachbar ihm einen Stups auf die Stirn geben will, um ihn auf die bösen Blicke des Aufsehers aufmerksam zu machen, zieht er seine Hand vor Schreck zurück. Karan zittert am ganzen Leib, sein Körper kocht vor Fieber. Doch die Arbeit ist ihm trotzdem sehr wichtig, denn er muss für sich und seine kleine Schwester Shivani sorgen und „ [braucht] daher das Geld…“.

“Geld muss man haben..“, kichert Kevin in sich hinein. Er mustert die vielen ausgesuchten Stücke auf seinem Armen während er in der langen Schlange an der H&M Kasse in Freiburg steht. Vor zwei Tagen ist er 13 geworden und bekam prompt von den Eltern und nichtzuvergessen von der stets spendierfreudigen Oma den Geldbeutel aufgefüllt. Dies kam ihm sehr gelegen, denn der Freiburger hatte schon lange geplant, einkaufen zu gehen, um die Lücken in seinem Kleiderschrank zu füllen. Reichlich tolle Sachen „kamen ihm heute in die Tüte“ , darunter auch blaue Polo- Shirts, sowie Röhrenjeans, die ihm besonders stehen. Darin sehe er aus wie Zac Efron. Jedenfalls hatte das Marina , das hübsche Mädchen aus der Parallelklasse, zu ihm gesagt . Und das ist doch die Hauptsache.

Alles andere ist bei seiner Kleiderwahl egal. Und da er findet, dass es bei H&M eben billig ist und ein Designerladen doch zu gesund für das noch übergewichtige Portemonnaie wäre, war von vorne rein klar, dass er sich seinen Kumpel schnappen und hier einkaufen gehen würde.

Jedenfalls ist jetzt Endspurt und Kevin steht mit seinem Freund in der Schlange. Der Laden ist so überfüllt, dass die Kassiererin sehr lange braucht.. „Denkt die in Zeitlupe oder was“ , lacht sein Freund ihm ins Ohr…

Ein „Boah…“ ist alles was er daraufhin rausbekommt, doch Kevin kommentiert damit nicht den Beitrag seines Begleiters. Ganz zufällig ist sein Blick nämlich auf die Etiketten er Kleider gelandet, die ihm zuvor nie groß auffielen, bis auf wenn sie im Nacken juckten.

„Schau mal , da steht immer „Made in India“ , und hier „Made in Indonesia “…auf dem anderen „Bangladesch“. “ , sagt er.

„Ja, ich find‘s auch toll, dass du schon so viel Englisch kannst!“ antwortet sein Freund sarkastisch „Ist doch egal wo die Dinger her kommen. Man – ha, ha schau dir mal lieber die takelnde Tussi in den hohen Schuhen da vorne an…. Der bröckelt das Make Up gleich vom Gesicht runter. Wenn das mal nicht ‘n Sumpf auf dem Boden gibt “

Aber Kevin ist mit seinen Gedanken ganz woanders.

Daheim angekommen, räumt er die Neuankömmlinge in den Kleiderschrank. Er nimmt sein Lieblingsshirt von Esprit hinaus. Er hat richtig Lust dazu, es wieder anzuprobieren. Stattdessen schaut er reflexartig auf das Etikett und findet ein „Made in India“ vor. Irgendwie stimmt da doch was nicht, denkt er. Etwas Lebensmüde läuft er in das Zimmer seiner Schwester, um ein Blick auf ihre Kleider zu werfen. Diese ist zu seinem Glück (und zur Bewahrung seiner körperlichen Unversehrtheit) gerade in der Dusche. Somit hat er freie Bahn, kommt nach einpaar Minuten aber enttäuscht wieder zurück.

„Wird denn gar nichts mehr hier hergestellt? Und da soll es noch Ausländerfeindlichkeit geben..??“ witzelt er. Zwar weiß er von der Schule, dass viele Firmen die Fertigung von Waren ins Ausland verlegen. Aber das praktisch sein ganzer Kleiderschrank „importiert“ ist, hat er erst jetzt richtig gemerkt.

„Die Globalisierung als Banker mitzuerleben ist eine Sache, aber sie täglich am Leib mit sich zu tragen doch eine völlig andere. OK, für das Espritoberteil zum Beispiel haben die Hersteller viel Geld kassiert, davon kann man seine Arbeiter ja gut bezahlen… oder nicht? Aber H&M ist doch nun wirklich nicht teuer. Ob ein Arbeiter wirklich noch viel von den 9 € für das T-Shirt bekommt, das ich vorhin gekauft habe?“. Gedanken über Gedanken. Er entschließt sich der Sache auf den Grund zu gehen.

Ausnahmsweise greift er dazu sogar zu einem schriftlichen Medium. Denn Papas Buchregal gibt nicht nur lauter alte, dicken Wälzern aus seinem BWL-Studium Obdach, die eh keiner will. Sondern auch aktuellen Zeitschriften. Da er sie wie seine Kinder behandelt, was Kevin unbegreiflich absurd erscheint , ist höchste Vorsicht angesagt.

Ah, da hat er was er sucht. Das Titelbild der GEO mit dem dunklen Arbeiterkind war ihm aufgefallen als das Magazin vor kurzem aus dem Briefkasten direkt vor seinem Vater auf dem Frühstückstisch landete. Er schlägt Seite 13 auf und liest die Titelgeschichte. Völlig vertieft findet er sich in einer anderen Welt wieder. Die Reportage über einen Jungen, der für zwei Euro monatlich in einer asiatischen Weberei arbeitet, fesselt ihn so sehr, dass er seine Abneigung gegen Texte glatt überwindet. Die dort hergestellten Textilien werden in den Industrienationen in bekannten Marktketten verkauft. Er liest weiter und wundert sich etwas über die Infobox am Ende, denn laut UNICEF arbeiten heute ca. 190,7 Mio. Menschen zwischen fünf und vierzehn Jahren in den sogenannten Entwicklungsländern: in der Landwirtschaft, in Werkstätten und Steinbrüchen, als Verkäufer, Haushaltshilfen oder Prostituierte. Was sie gemeinsam haben : Sie müssen mit Arbeitsbedingungen leben.

Wikipedia/Weltarmut
Wikipedia/Weltarmut

Er betrachtet die Karte im Magazin auf der die betreffen Länder. Die roten Flecken auf der Karte markieren die Länder , von denen Opa immer sagt, dass sie mal „Plätze an der Sonne“ waren…. „Wieso lassen sich die Menschen denn überhaupt so ausbeuten?“ , fragt er sich und erinnert sich daran, wie beharrlich er für das letzte mal Zimmeraufräumen eine Taschengelderhöhung gefordert hatte. Ihn wundert es etwas, was seine Schwester , die Shopping für Nationalsport hält, kürzlich mal gesagt hatte: Dass es praktisch nichts bringe nur bei bestimmten, teureren Läden einkaufen zu gehen. „Der Preis von Waren garantiert längst nicht die faire Herstellung.“, zitiert er sie in Gedanken. Doch was kann man dann dennals Verbraucher überhaupt noch tun???

Seine Mutter ruft. Jetzt gibt’s erst mal Abendessen.. Und Lasagne lässt man nicht warten. Nach der Mahlzeit sitzt die Familie wie immer noch ein bisschen beisammen und jeder erzählt von seinem Tag. Gewöhnlich hasst Kevin das und sagt nicht viel. Als er an der Reihe ist, erzählt er von seinem heutigen „Shoppingtrip“, den die Familie grinsend vernimmt. Anschließend erzählt er von einer Lektüre, die er gerade in für die Schule liest und , dass er Informationen über die Zustände in Entwicklungsländern und deren Gründe erzählen benötigt. Seine Mutter über letzteres gleich doppelt verwundert , da ihr Sohn nicht gerade lesefreudig ist und sich normalerweise eher für Computerspiele interessiert. Aber als Ehrenamtlich Tätige bei der „Caritas Freiburg“ in der Abteilung „Caritas International“ freut sie sich umso mehr.

„ Gerne. Wie du weißt, herrscht in Entwicklungsländern große Armut, die man nicht als selbstverschuldet abstempeln kann. Deswegen lassen sich Erwachsene und Kinder unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausbeuten. Wegen dem Hunger sind die Menschen gezwungen jede Arbeit anzunehmen, die sie bekommen. Es wird zwischen konjunkturellem und strukturellem Hunger unterschieden. Die erste Form basiert auf Kriege und Naturkatastrophen, die eine Wirtschaft zerstören. Die zweite Sorte hingegen, ist mehr oder weniger von Menschen gemacht: Da den Bauern in ärmeren Ländern die Mittel wie z B. Dünger fehlen , fallen die Erträge vermindert aus. Wegen der Staatsverschuldung können die Personen wiederum nicht investieren. Die Politik sorgt gewissermaßen dafür, dass diese Menschen sich in einem Teufelskreis bewegen. Sie können sich auch keine Bildung leisten und sind oft unterernährt. Gerade für die Kinder, die sich ja im Wachstum befinden, ist das besonders schlimm. Wusstest ihr, dass alle 5 Sekunden ein Kind an Hunger und Folgekrankheiten stirbt? Komm mit ich zeig dir mal einpaar Sachen und Bilder am PC, wir im Büro arbeiten gerade an unserer neuen Internetpräsenz.“

Dort zeigt sie ihm Bilder von der Caritas International auf „Flickr.com “ .Nicht nur bei Naturkatastrophen wie z.B. in Haiti wird von der Organisation Hilfe geleistet. Speziell für die Kinder sind Heime in vielen Entwicklungsländern eröffnet wurden, wo auch deren Bildung sichergestellt wird. Gerade für harte Jobs wie das Steinbrechen werden Alternativen gesucht und die armen Familien unterstützt. Als „Wegbegleiter“ kann man bei einem neuen Projekt Kinderarbeitern und Straßenkindern in Indien, Kongo, Südafrika, Brasilien und der Ukraine mit einer Spende unterstützen.

„ Das Gute an der Caritas ist,“ erzählt sie weiter „ dass man durch Dokumentation in Form von Berichten genau erfährt, was dann auch tatsächlich vor Ort geschieht. Es werden auch laufend neue Projekte ins Leben gerufen. Aber wir brauchen noch jede Menge Unterstützung und Spendenwillige. Der Wille helfend aktiv zu werden ist bei vielen Menschen da, wie ich bei der Durchführung der folgenden Onlineumfrage festgestellt habe. Dabei habe ich das Thema Kleiderkauf gewählt, weil ich damit gerade viele junge Menschen ansprechen wollte:

Unbenannt

Die Antwort war recht positiv. Nur wissen die Menschen meistens nicht, dass die auch alleine als Verbraucher was tun können, wie z.B. sich bei Herstellern beschweren , wenn sie Kinderarbeit vermuten oder schlimmstenfalls einen Boykott organisieren. “

In den nächsten Tagen entscheidet sich die Familie, selbst als „Wegbegleiter“ zu spenden. Auch Kevin beteiligt sich mit seinem Geburtstagsgeld daran. Mit dem Geld wird ein Heim in Bombay unterstützt, zu welchen deswegen neue Kinder aufgenommen werden konnten. Zu diesen gehören unter Anderem Karan und seine kleine Schwester, die dort nun auch lesen und schreiben lernen. Wenn er groß ist, will er Ingenieur werden.

Und Kevin möchte in Zukunft mehr darauf achten, was er kauft , damit aus den „zwei Welten irgendwann mal eine Welt wird“.