Kreativität und Mut sind nötig zum Eintritt in die große weite Welt der Mode. Ein Besuch bei der Freiburger Modedesignerin Kim Schimpfle.

London, 15:00 Uhr. Mir wird die Tür geöffnet, als ich in das Designer-Geschäft eintreten möchte. Es ist kein Geschäft wie jedes andere.Die Auswahl ist klein aber fein, denn jedes Teil gibt es nur in einer Größe, für eine Person zugeschnitten. Hier ist der Kunde wirklich König – hier fühle ich mich wohl. Unwohl wird es mir erst bei den Preisen, die auch nirgends aushängen – es versteht sich, auf Anfrage natürlich. Das günstigste Teil ist eine Mütze, die im Vergleich zum Rest „nur“ achtzig Euro kostet.Wer sich dieses Accessoire leistet, kann sich sicher sein, dass er ein Unikat auf dem Kopf trägt. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich in einem echten Designer-Geschäft bin. So etwas kannte ich sicher nur aus den Mode Zeitschriften oder aus dem Fernsehen. Für einen Kurzen Moment darf ich Teil des Modeimperiums sein.

Was die Modewelt nicht alles mit einem Menschen anstellen kann.

Dieser Laden hier würde in eine Modehochburg wie London, Paris oder New York passen, tatsächlich befinde ich mich aber in der Hildastraße in Freiburg im Breisgau am Rande des Schwarzwalds.Das Gefühl einer echten Modedesignerin gegenüberzustehen ist mit einem kurzen Moment der Bewusstlosigkeit zu vergleichen. Innerlich entfernt man sich vom Gedanken sich in Freiburg, wie die Designerin sagt, der „Modefaulen“ Stadt, zu befinden. Dieser unbemerkte Hauch von Öko und Bildungsbürgertum scheint nach und nach von der Bildfläche zu verschwinden. Das hier ist eine andere Welt: Modedesign im Stil der Großstädte.

Begrüßt werde ich von der Modeschöpferin Kim Schimpfle, die wie so viele Designer, ganz normale Kleidung trägt: lässige Levi’s Bluejeans mit einem schwarzen Rollkragenpulli. In unserer Zeit ist es so, dass viele Künstler eine große schwarze Streber-Brille tragen, sie jedoch fällt mit etwas anderem auf. Es ist ihr Haarschnitt: Ein blonder Jungenschnitt, der ihre großen Augen betont. Ihr gehört dieses Geschäfts in der Hildastraße in dem ein Modelabel geführt wird, das Courage heißt.Gleich wird mir ein Platz auf einem mit Fell bezogenen Stuhl angeboten. Neben mir befindet sich ein Spiegel, von dem ich nur schwer meinen Blick abwenden kann. So betrachte ich mich aufmerksam und natürlich stelle ich mir die Frage: Was hält diese Designerin wohl von meinem Stil?Kim Schimpfle sitzt mir gegenüber und wartet auf meine erste Frage. Meine Befürchtung, dass sie nur kurz antworten wird, was zu einer distanzierten Atmosphäre führen würde, bewahrheitet sich nicht.Nach den ersten drei Fragen war es kein Frage-Antwort-Spiel mehr, viel mehr eine Erzählung einer Freundin an eine jüngere Freundin – ja, hier fühle ich mich wohl.

Kim Schimpfle ist keine gebürtige Freiburgerin, wohnt jedoch seit 23 Jahren in der Kreisstadt. Jetzt ist sie 34 Jahre alt und seit ihrem 21. Lebensjahr selbständig – was für ihre Zeit nicht normal war. Damals hieß es: Erst eine Ausbildung machen und dann mal weitersehen, aber doch nicht Stoffe zusammen nähen, diese verkaufen und sich dann Selbstständig nennen.

Bei Kim lief alles ganz anders. Sie ist Autodidaktin, das heißt sie machte keine Schneiderlehrer und besuchte keine Designschule. Ihr Talent – das nun in seiner ganzen Pracht in ihren Kleidern zu sehen ist – entdeckte sie mit 18 Jahren beim Burda-Wettbewerb, einem Hobby-Schneiderinnen-Wettbewerb, den Kim Schimpfle zwei Mal gewann. Danach fing sie an sich ihre Kleider selbst zu nähen, sei es für den Ausgang am Abend oder für den Alltag. 1996 bekam die junge Dame die Möglichkeit ihre erste Modenschau in einer Kunstgalerie zu geben. So kamen ihre ersten Aufträge zustande, es waren wenige, aber sie blieb weiter am Ball.

Und wie man sieht, es ist machbar. Nach 13 Jahren ist sie noch immer mit von der Mode-Partie.

Um wirklich erfolgreich in der Modebranche zu sein sollte man zumindest wissen was momentan im Trend liegt, aber noch wichtiger ist es, einen persönlichen Stil zu haben. Für die Designerin von „Courage“, was aus dem Französischen kommt und Mut bedeutet, sollte dieses Wort der Wegweiser für ihr weiteres Leben werden. In Freiburg lebend musste sie ihren Kleidungsstücken ihre persönliche Note geben, doch da gab es zwei Hürden. Die eine hieß: Wie sieht mein persönlicher Stil aus? Und die andere lautete: Wie soll ich in einer Stadt wie Freiburg meinen eigenen Stil finden? Denn in Freiburg war und ist es noch immer so, dass sehr modisch gekleidete Menschen entweder angestarrt oder belächelt werden. Der Mut war mit ihr. Sie hatte kein Problem damit die Stile, die sich quer durch das 20. Jahrhundert entwickelt hatten, auszuprobieren. Da blieb für sie natürlich auch die Punk-Zeit nicht aus. Lachend erzählt sie wie viel Spaß sie an den Blicken der Passanten hatte, als sie „mit Hütchen, Schleier, lackierten Nägeln und hohen Schuhen über das Kopfsteinpflaster eierte“. Als Kim Schimpfle noch in ihren Anfängen war gab es schon die großen Designer, wie Jean Paul Gaultier, Vivienne Westwood oder auch Thierry Mugler. Diese ahmte sie selbstverständlich nach – sie musste sich ja schließlich alles selbst beibringen. Ausprobieren lautet ihre Devise.

Es scheint so als stünde der Designerin von Courage die Tür zur Welt offen. Denn die meisten freiburger Designer erwecken den Eindruck nur für die Menschen in ihrer Region Kleidung zu entwerfen. Wieso sie und nicht die anderen? Mit jedem ihrer Sätze wird einem bewusster, weshalb sie so gut in ihrem Gebiet ist. Da sie ihren Laden und ihr Label alleine führen muss, darf sie höchstens drei Tage am Stück in einem Jahr krank sein, mit dem Lächeln eines jungen Mädchens führt sie den Satz fort und sagt: „danach habe ich keine Lust mehr krank zu sein und arbeite weiter.“ Der nächste Satz lautet: „für mich gibt es so etwas wie ein Wochenende nicht wirklich, wenn der Kunde sein Teil unbedingt braucht muss ich nun mal ran“. Sie unterteilt das Wort Leidenschaft gerne in Leiden und schafft. Doch letztendlich sagt sie dies mit einem freundlichen Unterton. Im Gespräch hört man noch einen anderen etwas spöttischen Unterton, wenn sie über die Freiburger und ihren Kleidungsstil spricht.

Sie sagt, Freiburg sei nun ein mal eine lässige Öko-Stadt.

Würde Kim Schimpfle sich modetechnisch ausschließlich an Freiburg orientieren, dann wäre der Weg in die große weite Welt der Mode noch steiniger als er es bereits ist. Sie sagt, dass die Modewelt nicht nur aus Glanz und Glamour bestehe, auch wenn jede Menge Presse hinter einem steht, denn das Haifischbecken der Modedesigner ist groß. Da es ihrer Meinung nach „unheimlich viele gute Designer“ gibt, muss man schon etwas Besonderes sein um sich auf dem Markt behaupten zu können. Kim könnte sich ein so genanntes Lookbook kaufen, in dem schon die Trends für das Jahr 2012 stehen, doch sie ist nicht so eine. Sie lässt sich lieber selbst von den Menschen auf der Straße inspirieren oder von unterschiedlichen Ethnien dieser Welt.

Im Moment ist sie dabei ein zweites Label zu schaffen, das eine Weiterentwicklung der Schwarzwaldtracht werden soll. Wie soll man sich das vorstellen? Eine Modedesignerin, die sich eigentlich nicht mit dem Kleidungsstil der Freiburger anfreunden kann, will nun eine Schwarzwaldkampagne starten! Im ersten Moment sieht solch eine Vorstellung in meinem Kopf wie eine grausame und malträtierende Behandlung meines Modebwusstsein aus. Dann aber bekomme ich eine Broschüre in die Hände gedrückt und kann meinen Augen nicht glauben. Wunderbar, das ist es was einen echten Designer ausmacht, denke ich. Kim Schimpfle lässt ihrer Kreativität einen ganz freien Lauf und das Ergebnis ist so schön, man möchte es besitzen. Dieses Label sollte eine Anlehnung an die geglückte Modernisierung des bayerischen Dirndls sein. Sie will sich jedoch ganz klar vom Dirndl unterscheiden. Toll wäre es, sofern sie es schaffen wird ihre Mode gut zu vermarkten, wenn eines Tages ein New Yorker Mädchen zu ihrer Freundin sagen würde: „How do you like my new ‚swartzwold style’?“. Das Highlight an dieser ganzen Sache ist, dass diese Mode auch für ein Fashionvictim der normalen Preisklasse bezahlbar wäre. Ein Oberteil läge bei 35 Euro, was im Gegensatz zum Preis der Mütze zumutbar ist.

Um die Pläne für ihr weiteres Label realisieren zu können, muss sie erst ihre aktuelle Kollektion präsentieren und verkaufen. Die Vorstellung einer Kim Schimpfle, die den gesamten Tag in ihrem Geschäft sitzt und auf Kindschaft wartet ist eher unzutreffend. Allein davon kann sie ihren Erfolg nicht abhänig machen. Auf Messen stellt sie ihre Mode vor und nimmt dort auch Aufträge an. Selbstverständlich macht sie auch Modeschauen, wie die 3° Minus Wintermodenschau im Oktober 2009. Zusammen mit zwei anderen Designern hat sie dieses Ereignis über ein gesamstes Jahr hinweg geplant und verwirklicht. Diese Fashion Show fand, wie zu erwarten war, in Freiburg statt. Wieder einmal stand das Werk Kim Schimpfles in keiner Relation zu dem üblichen freiburger Modeverständnis. Es war eine Modenschau, wie auf Fashion TV. Die Designerin selbst sagt: ” Wir wollten blos keinen Laufsteg aufbauen, das wäre viel zu langweilig gewesen.”

Kim Schimpfles Leben ist keineswegs langweilig oder konventionell. Es verlangt eine Aufopferung der nahezu gesamten Freizeit, doch wer mit Liebe sein Geschäft führt, hat nichts zu befürchten. Mit ihrem Courage ist sie in der Lage alle von ihr angestrebten Ziele zu erreichen. Ambitiös, weltoffen und eigenwertig in ihrem Stil, scheinen treffend für die Beschreibung einer Designerin aus Freiburg, die, wie kein anderer, ein Verhältnis zu dieser Stadt an den Tag legt, das von amüsanter Kontroversiät geprägt ist. Denn in Feiburg ist sie nach 13 Jahren noch immer ein Geheimtipp und das soll ihrer Meinung nach auch so bleiben.
3° Minus in Freiburg

Drei Designer stellen ihre Mode in Freiburg vor. Kim Schimpfle steckt mit ihrem Lable Courage mittendrin.

Die 3° Minus Modenschau war ein Event wie kein anderes in der Stadt Freiburg im Breisgau. Drei Designer der Labels Courage, Max Lui und Deutsche Designer stellten an diesem Abend ihre Kollektionen vor. Die Ende 2009 fertig gestellten Büro- und Geschäftsräume des Xpress-Gebäudes neben dem Freiburger Hauptbahnhof sollten die beste Location für die Modenschau werden. Die sich noch im Rohzustand befindenden Räume erweckten eine kühle Atmosphäre, die durch die Schlichtheit des weißen Mobiliars verstärkt wurde. Es wurde kein Laufsteg aufgebaut, weil Kim Schimpfle so etwas als langweilig empfindet.

Einlass war um 20.00 Uhr. Eine 15 Meter lange Schlange erstreckte sich vor den Eingang. Nur mit einer persönlichen Einladung und mit einem Eintrag seines Namens auf der Gästeliste wurde der Eintritt gewährt. Jeder kam sich so wichtig vor, ich auch, denn ich kam im Glauben als einzige auf der Gästeliste zu stehen. Mit einem Backstage-Pass war mit dennoch ein Eintreten ohne langes Warten erlaubt.

Einmal drinnen war ich wie ausgewechselt, denn ich hatte vieles erwartet, aber nicht das. 200 bis 300 meist gut gekleidete Menschen – man sah ihnen an, dass Geld in dieser Szene keine Rolle spielt. Ich war den Blicken dieser Leute ausgesetzt, was mir egal war, denn anders als sie war ich privilegiert: ich durfte in den Backstage-Bereich. Dort waren die Models, Designer und Visagisten schon voll im Gange, denn es lastete ein Zeitdruck auf ihnen – um 21.00 Uhr sollte die Show beginnen.

Ständig wurde an den Models rumgezupft, die Gesichter geschminkt, und einige übten noch einmal das Laufen. Auch hier wurde ich wieder angestarrt, besonders von den weiblichKim Schimpfle mit einem Modelen Mannequins. Sie glaubten in mir ein weiteres Model zu sehen und setzten einen ihrer konkurrierenden Blicke auf. Zu ihrer Erleichterung erfuhrem sie von mir, dass ich nicht zum Modeln hergekommen war. Und sogleich wurde aus dem hinterlistigen Blick ein Freundliches Lächeln.

Mit einer dreißigminütigen Verspätung – wie es sich bei einer Modenschau gehört –begann die Show. Begleitet wurde sie von der Musik des DJ Ralph Thieme, die er eigens für diesen Abend entworfen hatte.

Über eineinhalb Stunden hinweg wurden von Models die Kleider der drei Designer vorgeführt. Am Ende des Laufstegs standen, wie man es aus dem Fernsehen kennt, professionelle Photographen. Die gesamte Atmosphäre in den Räumen glich der einer Großstadt. Man denkt sich weg von einem Provinzort wie Freiburg und ist nur noch auf die Raffinesse des Designers konzentriert. Nicht mit pompösem, vom Talent ablenkenden Getue ist Großes zu erreichen. Auf den bekannten Laufstegen laufen die Dinge anders. Das eigene Können wird auf den Modeschauen präsentiert und das gelang den Designern auf der 3° Minus Modenschau.

Beendet wurde die Fashionshow mit einem extralangen Applaus. Danach gab es die Möglichkeit mit den Designern ins Gespräch zu kommen und eventuelle Aufträge für das Schneidern der Kleider zu geben.