Das Flugzeug beginnt auf die Startbahn zu rollen. Die Mädchen und Jungen darin sind ganz aufgeregt, manche unterhalten sich miteinander und versuchen sich gegenseitig Mut zu machen. Einige schauen aus dem Fenster und reden kaum ein Wort, aber es gibt auch welche, die traurig sind und ein bisschen weinen.

Gleich wird das Flugzeug los fliegen. In ein anderes fernes Land und eine neue, aufregende und spannende Zeit wird für die Jugendlichen beginnen. Sie schauen sich an und es scheinen alle zu denken: Tue ich hier gerade das Richtige? Ist es ein Fehler meine Heimat, die Familie und Freunde für diese Erfahrung für ein ganzes Jahr zu verlassen?

Da hebt das Flug auch schon ab und es gibt kein zurück mehr.

Die ca. 40 Jungen und Mädchen, alle im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben sich dafür entschieden, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. All diese Jugendlichen haben sich bei der Organisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. für ein Auslandsjahr beworben. Mit rund 50 verschiedenen Ländern bietet diese Agentur die größte Ländervielfalt aller deutschen Austauschorganisationen. Diese Austauschprogramme sind für alle interessierten Jugendlichen gedacht, egal von welcher Schule sie kommen oder welche finanziellen Möglichkeiten sie haben, da diese Agentur auch Stipendien vergibt.

Wie kommt man auf die Idee, ein Auslandsjahr zu machen und wie läuft das alles ab. Die Bewerbung, die Begegnung mit dem fremden Land, deren Kultur, Traditionen und Bevölkerung? Diese Fragen habe ich mir gestellt und denke, dass ich ein paar Antworten darauf gefunden habe.

Sophia A., 18 Jahre, hatte sich in der Schule viel gelangweilt und wollte etwas Neues, Spannendes und Aufregendes erleben. Als sie darüber mit ihren Freunden ins Gespräch kam, erzählten ihr manche, dass es ihnen genauso erginge und sie sich deshalb dazu entschieden hätten, ihr Glück bei einer Austauschorganisation versuchen und sich bewerben wollten. Da Sophia dies für eine tolle Idee hielt, sprach sie über die Möglichkeit eines Schüleraustauschjahres mit ihrer Lehrerin, die ihr dazu riet, es einfach zu versuchen. Also schrieb sie daraufhin ihre Bewerbung, bei der sie 8 verschiedene Länder angeben musste, in denen sie sich vorstellen konnte ein Jahr zu verbringen, an die Organisation AFS bei der sich auch viele ihrer Freunde bewarben. Kurze Zeit später bekam sie eine Einladung zu einem Treffen, bei dem die Jugendlichen mehr über die Agentur und ein Austauschjahr erfahren konnten. Einige wurden dann sofort von der Agentur angenommen, andere kamen erst einmal auf die Warteliste. Mit der Antwort, dass Sophia angenommen worden war und dass ihre Reise in das Land Bolivien gehen würde, kam auch eine Mappe mit vielen Informationen zu z.B. ärztlichen Untersuchungen und Impfungen denen sie sich vor ihrem Auslandaufenthaltes unterziehen musste und der Anmerkung, dass sie einem Brief auf Englisch für ihre Gastfamilie, die sie noch nicht kannte, verfassen sollte.

Vor der Abreise in das fremde Land, gab es viele Vorbereitungswochenenden, an denen sich die Jugendlichen mit Mitarbeitern von AFS trafen, und von ihnen auf die Zeit des Austauschjahres vorbereitet wurden.

Dann kam der Tag der Abreise und alle Deutschen Jugendliche, die nach Bolivien flogen, trafen sich am Flughafen mit Begleitpersonen von AFS die mit ihnen reisten, um ihren Flug nach Santa Cruz in Bolivien über Miami anzutreten. Nach dem Abschied unter Tränen von ihren Familien freuten sich die Jugendlichen auf ihr großes Abenteuer. Als sie nach einem 8 bis 9-stündigen Flug in Miami ankamen, hatten sie dort ca. 7 Stunden Aufenthalt. Danach ging es dann noch einmal für 8 bis 9 Stunden ins Flugzeug nach Santa Cruz, Bolivien.

In Santa Cruz wurden die Austauschschüler aus Deutschland in ein 1-wöchiges Vorbereitungscamp gebracht, indem sie viele andere Schüler aus der ganzen Welt trafen, die für ein Jahr nach Bolivien gekommen waren. Im Camp wurden die Jugendlichen nun auf das Land, indem sie 1 Jahr leben würden, deren Bevölkerung, Sitten und Traditionen vorbereitet.

Bolivien liegt in Südamerika und besteht aus den 9 großen Städten Santa Cruz, El Alto, Cochabamba, Oruro, Tarija, Potosi, Sacaba, der Hauptstadt Sucre und La Paz. In La Paz befindet sich der Sitz der Regierung und es ist die wichtigste Stadt Boliviens. Das Land ist drei Mal so groß wie Deutschland, besitzt aber nur ca. 10 Millionen Einwohner. Die Landschaft ist durch die Anden, das dünn besiedelte tropisch- heiße Tiefland, durch trockene Savannen (,,weite Ebene”, Zone zwischen Regenwald und Wüste) und die tropischen Regenwaldgebiete Amazoniens, dem Titicaca- See und dem größten Salzsee Salar de Uyuni, geprägt. Man spricht Spanisch und etwa 72 % der Bevölkerung gehört zu den Indigenen Völkern, auch ”Indios” genannt. Die Indigenen Völker sind Völkergruppen bzw. -stämme, mit Indianischen Vorfahren. In Bolivien unterscheidet man zwischen Völkern des Tieflandes und den Andenvölkern. Sie sprechen die Sprachen Aymara oder Quechua und sind die Nachkommen einer Bevölkerung vor Eroberung, Kolonisation oder der Gründung eines Staates oder einer Region, die sich selbst als eigenständiges Volk verstehen und ihre eigenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen beibehalten.

Nun hieß es für Sophia endlich: auf nach La Paz zu ihrer Gastfamilie!

Als sie nach dem kurzen Flug von Santa Cruz nach La Paz mit anderen Austauschschülern ankam, wurde sie sehr herzlich von ihrer großen bolivianischen Familie begrüßt.

Zu Beginn waren alle etwas nervös, da sie sich noch nicht kannten und sehr gespannt aufeinander waren. Sophia lernte ihre Gasteltern und ihre 3 Gastgeschwister, zwei Jungen und ein Mädchen, kennen. Die Familie hat noch eine weitere Tochter, die sich aber zu diesem Zeitpunkt selbst für ein Auslandsjahr in der Schweiz befand. Zunächst sprachen sie hauptsächlich Englisch miteinander, da die Spanische Sprache, die die Bolivianer sprachen, für eine Schülerin die bis dahin nur Schulspanisch gelernt hatte, etwas zu schnell war.

Als sie im Zuhause der Gastfamilie ankamen, fiel Sophia auf, dass in dieser Gegend alle Häuser sehr stark durch Mauern, Zäune und Alarmanlagen gesichert waren. Ihr wurde erklärt, dass das in Bolivien ganz normal sei, da man sich hier stark vor Kriminellen schützen müsse. Das Haus der Familie war sehr groß. Sie besaßen ein Hausmädchen und Sophia bekam ein eigenes Zimmer. In den ersten Tagen verlief sie sich sogar ein paar mal im riesigen Haus.

Bevor die Schule anfing, hatte Sophia noch etwa eine Woche Zeit um sich in dem neuen Land bei ihrer Gastfamilie einzugewöhnen. Danach musste sie sich in der Schule anmelden und eine Schul- und Sportuniform kaufen. An ihrem ersten Tag wurde sie der Klasse vorgestellt. Ihre Mitschüler waren sehr gespannt und wollten viel von der Neuen aus Deutschland erfahren. Doch zum Spanisch sprechen kam Sophia in der Schule zunächst nicht, da in ihrer Klassenstufe noch ca. 7 weitere Austauschschüler aus Deutschland waren und diese untereinander nur Deutsch sprachen.

Der Unterricht an der Schule wurde relativ locker gehalten, da die meisten Lehrer nicht von den Schülern respektiert wurden, denn sie taten was sie wollten. Nur einigen Lehrern wie z.B. den Mathe- oder Physiklehrern gelang es, ihren Unterricht streng durchzuziehen. Neben der Schule musste Sophia zu Beginn für einige Wochen einen Spanischkurs der Austauschorganisation AFS besuchen.

Da Sophia sich nach einer Weile in ihrer Klasse langweilte, nicht so viel mit den anderen Deutschen zusammen sein wollte und lieber Land und Leute Boliviens besser kennen lernen wollte, sprach sie mit der Schulleitung und wurde in die Abschlussklasse (eine Stufe höher) versetzt. In dieser Stufe befand sich nur eine weitere Deutsche Austauschschülerin und durch den Kontakt und die Gespräche mit den einheimischen Mitschülern gelang es ihr nun auch sehr schnell die spanische Sprache gut zu sprechen und sich ausreichend zu verständigen.

Um sich mehr mit den Traditionen und Gebräuchen der Bolivianer zu beschäftigen, trat Sophia bald mit einer Freundin einer Karnevalgruppe bei, in der sie verschiedene traditionelle Tänze, vor allem den beliebten Tanz ”Caporales”, erlernte. Man bekommt dazu ein handgeschneidertes und -gesticktes Kostüm das sehr teuer ist und für jedes Mitglied der Gruppe eigens angefertigt wird. Die Tänze wurden vor Karneval sehr intensiv trainiert, ca. drei Mal pro Woche. Im Februar an Karneval fuhr die Tanzgruppe in die Stadt Oruro, um dort an zwei Tagen für jeweils 6 Stunden die Tänze durch die ganze Stadt aufzuführen. Zu diesem Ereignis kommen immer viele Tausend Leute aus ganz Bolivien.

Nach einem halben Jahr machte Sophia ihren Abschluss an der Schule, da sie die Abschlussjahrgangsstufe besuchen durfte. Schließlich konnte sie sich durch ”gute Beziehungen” ihres Gastbruders und Freunde zur Universität, an der diese studierten, für verschiedene Kurse einschreiben.

Ihre Gastfamilie unternahm mit ihr viele Wochenendausflüge, damit sie auch das Land und seine Kultur besser kennen lernen und verstehen konnte. Mit der Agentur AFS wurden verschiedene Ausflüge mit den Austauschschülern zu den ganzen Sehenswürdigkeiten Boliviens, wie z.B. dem Titicaca- See oder dem berühmten größten Salzsee Salar de Uyuni, unternommen.

Die schwierigsten Dinge, an die man sich in diesem Land gewöhnen musste, waren das Essen und das öffentliche Verkehrssystem. Auch kommt man an Weihnachten eigentlich nicht in Weihnachtsstimmung, da es zu diesem Zeitpunkt in Bolivien nicht kalt ist und dort üblicherweise ein sehr kitschig geschmückter Plastikbaum aufgestellt wird. Der religiöse Hintergrund und Sinn von Weihnachten kommt bei manchen bolivianischen Familien ebenfalls oft zu kurz.

In Bolivien gibt es beispielsweise keine Bäckerei und kein Brot, man kann nur Brötchen aus Supermärkten kaufen, die es an jeder Straßenecke gibt. Auch wird dort das Essen sehr trocken, ohne Soßen mit viel Reis oder Kartoffeln, gegessen.

Das Verkehrssystem ist total anders als in Deutschland. In diesem Land gibt es keine Fahrpläne. Die Busse die dort unterwegs sind, fahren immer bestimmte Routen ab und wenn man irgendwo zusteigt, sagt man dem Busfahrer wo man wieder aussteigen möchte. Dieser hält dann genau an diesem Ort, wenn er auf seiner Route liegt. Dann gibt es noch Minibusse und verschiedene Taxis. Die Trofi- Taxis z.B. fahren ebenfalls bestimmte Strecken ab, welche auf Schildern am Taxi angezeigt werden. Alle Fortbewegungsmittel sind dort viel billiger. Das kommt aber daher, dass das Leben in Bolivien im Allgemeinen, mit Ausnahme von Kleidung, billiger ist. Auch verdienen die Bewohner Boliviens viel weniger als die Menschen in Deutschland.

Zu Anfang ist man erst einmal geschockt von diesem lauten, bunten und neuem Land, doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran.

Nach einem Jahr heißt es dann: zurück nach Deutschland!

Vielen fällt der Abschied von ihrer Gastfamilie, den Freunden und auch dem Land das sie kennen und lieben gelernt haben, sehr schwer. Man weiß nicht, wird man je wieder einmal hierher kommen?! Was erwartet einen in der Heimat in Deutschland? Die Jugendlichen die so ein Auslandsjahr gemacht haben, verändern sich oft sehr, da sie in dem einstmals für sie fremden Land viele neue Erfahrungen gemacht haben, schlechte wie gute und dort ein total anderes Leben führten.

Für Sophia wurde eine große Abschiedsfeier veranstaltet zu der die ganze Familie, Verwandte und Freunde kamen. Danach mussten sie sich unter vielen Tränen am Flughafen verabschieden und es ging heim, nach Deutschland.

An das alte Leben in der Heimat mussten die Jugendlichen sich nun wieder erst einmal gewöhnen. Manchen fällt dies genauso schwer wie zuvor das Eingewöhnen in das fremde Land.

Viele Austauschschüler pflegen danach ihren Kontakt zu der Familie und den Freunden aus dem für sie nun sehr vertrauten Land in dem sie 1 ganzes Jahr gelebt haben. Auch kommt es nicht selten vor, dass diese Schüler irgendwann ihre Gastfamilie und das Land einmal wieder besuchen.

Meiner Meinung nach ist so ein Auslandsjahr eine tolle Gelegenheit ein neues Land, deren Kultur, Traditionen und Bevölkerung kennen zu lernen. Man wird Selbstständig und sammelt viele Erfahrungen die einem für dein späteres Leben nur hilfreich sein können. Man gewinnt eine neue Familie und Freunde, eine Heimat und eine neue Sicht auf das Leben und die Welt, hinzu.

Viele sagen, es sei die größte Erfahrung ihres Lebens!