Essstörungen

Ein Leben zwischen Lifestyle und Tod

Lena S. ist 17. Schon immer war sie ein überbehütetes, pflegeleichtes Kind. Sie ist gut in der Schule, ehrgeizig, immer bemüht, es allen recht zu machen. Konflikte werden in ihrer Familie unter den Teppich gekehrt. Abgrenzung, der Wunsch nach Individualität, wird von den Eltern als unerwünschtes Verhalten abgelehnt, und Lena fügt sich in die willkürliche Tyrannei ungeschriebener Gesetze: Morgens gibt es Weißbrot mit Marmelade, abends Graubrot mit Käse. Der erste Teller Milchreis wird mit Kirschen gegessen, der zweite mit Zucker und Zimt. So wird Lena, als sie in die Pubertät kommt, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, jemand Besonderes, Einzigartiges zu sein und sich gleichzeitig, im Bedürfnis nach Harmonie und Liebe, den Ansprüchen der Familie unter zuordnen. Sie beginnt zu hungern und wird schließlich magersüchtig.

Viele Eltern wundern sich über das Essverhalten ihrer Kinder. Sei es im Kindergartenalter, wenn das eigene Kind sehr wählerisch isst, sei es das massenhafte Essen in der Pubertät. Doch dies müssen keine Gründe sein, sich ernsthafte Sorgen zu machen, da eine normale Entwicklung eines Kindes solche Veränderungen im Essverhalten durchaus beinhalten kann. Beispielsweise ist es in der Pubertät eines Mädchens heute schon nahezu normal, dass sie schon einmal eine Diät gemacht hat. Trotz alledem sollten besonders die Eltern den Blick dafür behalten, wann das Essverhalten ihrer Kinder auffällig oder gar zu einer Störung wird. Ende eine Diät normalerweise, wenn das Wunschgewicht erreicht ist, so geht die Essstörung noch einen Schritt weiter und hat vielfältige Symptome.

Essstörungen lassen sich untergliedern in Fettsucht und Magersucht. Als magersüchtig bezeichnet man eine Person, welche unter 25% ihres Normalgewichts der entsprechenden Größe wiegt. Dies entspricht einem Bodymaßindex ( BMI ) von 17,5. Weiterhin kommen psychische Anzeichen wie ein starkes negatives Selbstbild in Verbindung mit Depressionen und Angstzuständen hinzu.  Die Gewichtskontrolle bildet den Mittelpunkt des täglichen Lebens.

Magersucht untergliedert sich in Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. Anorexie bezeichnet Pubertätsmagersucht, da sie überwiegend bei Mädchen zwischen 15 – 25 Jahren auftritt.

Auch Lena ist von diesem Typus Essstörung betroffen. Anorexie kann sich sowohl, wie bei Lena, durch ein plötzliches Hungern und übermäßigen Sport äußern, als auch durch den Missbrauch von Schlankheits- und Abführmitteln. Die starke Angst zuzunehmen sowie der Drang täglich an Gewicht zu verlieren tritt hier schnell in den Mittelpunkt. Anorexie wird oft auch als Sucht bezeichnet, da beim Hungern meist positive Gefühle entstehen und stattdessen Ängste und schlechte Gefühle unterdrückt werden können. Der Körper stellt sich schnell darauf ein, ein Belohnungssystem zu aktivieren, welches den typischen Persönlichkeitseigenschaften wie zum Beispiel geringem Selbstwertgefühl entgegenwirkt. Eine weitere typische Eigenschaft einer an Anorexie erkrankten Person ist der stark ausgeprägte Perfektionismus. Es gibt im Leben der Betroffenen keine Kompromisse mehr, sondern es wird nur noch das Extreme gesehen. Die perfekte Leistung in der Schule, das perfekte Aussehen, alles muss perfekt sein.

Eine andere Art der Magersucht ist Bulimia nervosa. Sie entsteht aus ähnlichen Gründen wie Anorexie, jedoch unterscheidet sich die Bulimie darin, dass der Körper nicht durch Verzicht glücklich wird, sondern dass übermäßiges Essen zum Problem- und Stressabbau dient. Meist beginnt die Krankheit mit einer harmlosen Diät, festigt sich jedoch schnell in ein Schema, welches zwischen Hunger-, Ess- und Brechphasen abwechselt. Körpersignale wie Sättigungsgefühle werden vollständig überspielt. Stattdessen können 15 – 20 kalorienreiche Essanfälle mit anschließendem Erbrechen schnell zum Alltag eines Bulemikers werden. Nach außen hin wirken die Betroffenen meist selbstbewusst, stark und zufrieden. Nach innen fühlen sie sich aber meist sehr verzweifelt und alleine. Sie isolieren sich immer mehr von ihrem sozialen Umfeld und beschäftigen sich mit Selbstverstümmelungs- und Tötungsgedanken. Das anfängliche Erbrechen mit Hilfe eines Fingers wird schnell zu einem Reflex nach jeder Mahlzeit und so folgen schnell körperliche Schäden wie anschwellende Schleimhäute in Magen und Speiseröhre, Organdurchbrüche oder Herzrhythmusstörungen.

Bei beiden dieser Arten von Magersucht ist die frühe Einsicht zur Notwendigkeit der Hilfe von außen das Wichtigste. Denn obwohl die meisten Erkrankten nicht wissen, wo sie in ihrem Tief beginnen sollen, können, ca. 50% mit viel Geduld geheilt werden. 10% hingegen sterben an der Krankheit.

Doch woher kommen Essstörungen? Die Ursachen liegen oft in der Kindheit und haben unterschiedlichste Hintergründe. So kann das Essverhalten beispielsweise durch häufig erzwungene Mahlzeiten abtrainiert worden sein. Durch Sätze wie „ Wenn du aufisst, darfst du Fernsehen“ gewöhnt sich ein Kind schnell ab, nach dem eigenen Verlangen, sondern eher nach den Regeln der Eltern zu essen. Hingegen sind die Ursachen für psychische Erkrankungen meist auf die mangelnde Aufmerksamkeit in der Familie zurück zu führen. Sei es die Scheidung der Eltern oder andere Schicksale, in welchen die Betroffenen hilflos waren und nichts tun konnten. In der Essstörung finden sie nun etwas, das ihnen Kontrolle verleiht, die Kontrolle über den eigenen Körper. Auch die Angst, erwachsen zu werden oder gar weibliche Formen anzunehmen, bringt viele soweit, dass kalorienreiche Nahrung vollständig gemieden und stattdessen übermäßig viel Sport getrieben wird. Auch Perfektionismus und Konkurrenzdenken in Schule oder Sport können oft Auslöser für ein solch radikales Denken sein. Magersüchtige isolieren sich und meiden gemeinsame Mahlzeiten, wobei gerade die Mahlzeiten mit der Familie, einen geordneten Tagesablauf und somit auch Normalität im Leben eines Jugendlichen schaffen. Außerdem bietet das tägliche Essen miteinander den Eltern die Möglichkeit, ein Auge auf das Essverhalten ihrer Kinder zu behalten, da die Grenze zwischen auffälligem Essverhalten und einer Essstörung beinahe unsichtbar ist.

Ist ein Jugendlicher einmal von einer Essstörung betroffen, meidet er reelle Kontakte, da diese zu viel über ihn erfahren könnten. Stattdessen sucht sich der Betroffene Gleichgesinnte im Internet. Dort gibt es viele organisierte Foren wie „hunger-online.de“, welche Betroffenen und deren Angehörigen bei Fragen und Problemen zur Seite stehen. Außerdem besteht hier die Möglichkeit, sich näher mit der Krankheit auseinander zu setzen und den ersten Schritt aus der Isolation hin zu einem normalen Leben zu machen. Und dies alles anonym und völlig freiwillig. Jedoch ist Achtung geboten, denn es gibt nicht nur Foren gegen die Essstörung, sondern auch solche, die auf den ersten Blick als hilfreiche Austauschmöglichkeit erscheinen, hinter der Front jedoch Motivation zum Tod sind. Eines der größten dieser Internetforen ist „Spiegelkinder“. Der Name steht für die mageren Jugendlichen, welche im Spiegel ihren abgehungerten knochigen Körper betrachten und sich trotzdem noch zu dick fühlen. Im Spiegelkinder – Forum sind täglich bis zu 300 Mitglieder online, es ist  jedoch nicht für jeden zugänglich. Um Teil dieser irrealen Welt zu werden, muss man eine „Motivationserklärung“ schreiben, in der glaubhaft gemacht wird, dass man das Ziel verfolge, abzunehmen.  Dieses Forum wird von der Chefin streng bewacht. War man ein paar Tage nicht online oder erscheint man durch Beiträge als unglaubwürdig, so wird man aus dem Forum entlassen. Ziel der Mitglieder ist es, die Königin zu werden, was bedeutet, das geringste Gewicht auf die Waage zu bringen. Es wird darum gekontert, jeder will gewinnen und somit den Neid aller anderen auf sich ziehen. Siegerin ist momentan Saphira ( Name geändert ), die einen BMI von nur 13,26 hat, während sich ein normaler BMI im Bereich zwischen 20 – 25 befindet. Medizinisch gesehen steht Saphira auf dem Trittbrett zum Tod, doch sie selbst ist sich immer noch zu dick. Das bestätigt sie in ihren Beiträgen, wie sie seitlich vor dem Spiegel steht, sich auf Zehenspitzen streckt und sich wünscht, sie würde auch im normalen Stand so ihre Knochen sehen können. Doch sie ist nicht allein. Auch andere Mitglieder berichten von den besten Abführ- und Schlankheitsmitteln, und den angenehmsten Stellungen, die zum Erbrechen führen. Keine von ihnen ist stolz darauf, so geworden zu sein, doch für viele ist das der einzige Wert, welchen sie im Leben noch haben. Nach dem Erbrechen folgt meist das Glaubensbekenntnis der Spiegelkinder: „Ich glaube, dass ich die wertloseste, gemeinste und nutzloseste Person bin, die jemals auf diesem Planeten existiert hat“, danach ist für sie die Welt wieder in Ordnung und es folgen weitere Ess- und Brechanfälle. Der Alltag eines Bulemikers. Die große Beschäftigung mit dem Forum und seinen Inhalten lässt den Betroffenen noch tiefer in seine irreale Welt sinken und blendet soziale Kontakte und Hilfsmöglichkeiten vollkommen aus. Denn im Forum ist die Magersucht keine Krankheit, es ist ein Lifestyle, eine gute Freundin. Ihre einzige Freundin. Da gibt es kein Ende durch Heilung, es gibt nur ein Ende durch den Tod – ..“denn was bin ich schon wert, wenn ich nicht einmal das in meinem Leben zu Ende bringe“ schreibt ein Spiegelkind.

Auch Lena wird sich nach einer Weile über ihr Schicksal bewusst , dennoch ist sie der Meinung: “Leben würde Essen bedeuten und wenn ich esse, ist alles aus, die Möglichkeit scheidet von vornherein aus, und so ist da nur Tod, auf allen Seiten.”

Doch Lena hat Glück: Sie kommt in eine Klinik und überlebt.


von Svenja Bensching

Ich habe mein Thema nach einiger Recherche und Überlegung von Ernährung Jugendlicher in Essverhalten oder spezifischer “Magersucht” umbenannt. Dieses Thema hat mich einfach mehr interessiert und ich hoffe, dass es meinen Lesern genauso geht und sie es interessanter findet, etwas über eine so präsente Krankheit, als über die verschiedenen Möglichkeiten des Mittagsessens Jugendlicher zu erfahren ;)

Da es für mich persönlich schwer war, Betroffene auf ihr Schicksal anzusprechen, habe ich viel in Büchern recherchiert und in Internetforen über Lebensauszüge Magerüchtiger gelesen. Ich muss sagen, dass mich das Thema selbst so stark berührt hat, dass es manchmal sehr schwer war an einem Text dran zu bleiben und weiter zu lesen, weil etwas zu unglaublich doch so real ist. Ich habe versucht genau dies in meinem Artikel auch rüber zu bringen, und bin daher stärker auf die Auswirkungen und den Verlauf der Krankheit eingegangen, als auf die Heilung.

Hier also noch einige Fakten und meine Quellen:

Fakten:

- Man spricht erst dann von Magersucht, wenn das eigene Gewicht tiefer als 25% unter dem „Normalgewicht“ des entsprechenden Alters und der entsprechende Größe liegt.

- Ca. 1% aller Frauen zwischen 15-35 Jahren leidet an Magersucht

- 50% können geheilt werden

- 10% sterben an der Krankheit

- Ca. 50% der Bevölkerung sind übergewichtig

Body-Mass-Index – Orientierungstabelle

Body-Mass-Index ( BMI )

= ( Körpergewicht in kg )

( Körpergröße in m) 2

Starkes Untergewicht < 17,5
Untergewicht 17,5 – 20
Normalgewicht 20 – 25
Übergewicht 25 – 30
Adipositas 30 – 40
Adipositas per magna > 40

QUELLEN:

Internet:

http://www.respect.de/themen/essstoerungen.php#katrin

Bücher:

-       „Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen -  Rat und Hilfe für Eltern“von Rachel Bryant-Waugh un Bryan Lask, erschienen im Hans Huber Verlag 2008

-       „Essstörungen – Wissen was stimmt“ von Almut Zeeck erschienen im Herder Verlag 2008

-       „Ess-Störungen für Dummies“ von Susan Schulherr erschienen im Wiley-VCH Verlag 2009